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EMPIRE OF OIL 1-3

360°-Film, Performance, Dance, VR

24. – 27. Mai 2018, Ballhaus Ost, Berlin

„Empire of Oil“ zählt, im Gelingen wie im Scheitern, zu den interessantesten Freie-Szene-Produktionen der jüngeren Vergangenheit. TAGESSPIEGEL, Berlin, 26.05.2018

Ein durchaus auch ästhetisch überzeugender Beitrag zur kollektiven Erinnerung der Geschichte um das globale Reich des Öls und seine wirtschaftlichen wie ökologischen Folgen. (…) Besser lässt sich die Bilateralität von Mensch und Natur wohl nicht darstellen.
DER FREITAG, online 31.05.2018

Es sind beeindruckende Bilder, die einen mit „The Underground Frontier“ im Ballhaus Ost umschließen: Aufnahmen aus der Luft über arktischen Gewässern oder mitten zwischen Menschen auf einer Straße in Mossul. Dazu ertönen lang anhaltende, dunkle Klänge, die einen noch stärker in die Umgebung hineinziehen. Manchmal wirkt dieses immersive Bühnengeschehen bedrohlich, dann wieder mystisch, gar magisch.
TAZ, Berlin, 03.02.2018

Der Klimawandel, Kriege die über Ressourcen geführt werden und die anhaltende, sogenannte Flüchtlingskrise sind die größten Herausforderungen, denen sich die Menschheit derzeit gegenübersieht. Die Costa Compagnie aus Berlin beschloss der Verknüpfung dieser entscheidenden Themen eine Trilogie zu widmen und filmte mit einer 360°-Kamera in Norwegen und im Irak. Das künstlerische Ergebnis ist ein immersiver 360°-Dokumentarfilm (Teil 1), eine medial-essayistische Lecture Performance (Teil 2) und eine widerständig-ekstatische Choreografie (Teil 3). Gerahmt wird die Serie von einer Virtual-Reality-Installation.
Die drängenden Fragen lauten, ob die mächtige Ressource das Potenzial für eine Sozialutopie wie in Norwegen birgt oder befördert sie wie im Irak einen endlosen Krieg? Gibt es eine Ästhetik des ölreichen Untergrunds, des Verborgenen? Und werden wir das Ölzeitalter überleben?

Die Künstlergruppe führt die Besucher durch die sich ergänzenden Teile und schafft ein außergewöhnliches Kunsterlebnis zwischen Dokumentation und Abstraktion. Dabei überlässt der erste, filmische Teil A RESEARCH IN 360° ganz den Menschen vor Ort das Wort und hinterfragt mit Interviews und Aufnahmen aus Stavanger, Bergen, Kirkuk und Mosul in einem runden Videospace unser Verhältnis zu Krieg und Konsum, Umwelt und Territorium. In einem einzigartigen Rundhorizont werden die Zuschauer*innen von Filmmaterial aus Stavanger, Bergen, Erbil, Kirkuk und Mosul und den Lebensgeschichten der Protagonisten eingehüllt – vom Leben auf einer Ölbohrinsel bis zur Flucht vor ISIS-Kämpfern aus dem brennenden Mosul .

Der zweite, performativ-analytische und musikalische Teil THE UNDERGROUND FRONTIER beginnt mit einer medialen Reflektion der gegensätzlichen Länder und endet in einer Gedankenreise mit den Besucher*innen.

Im dritten Teil AN INFINITE ENDING betreten zwei Tänzer*innen den Rundhorizont und begeben sich in einer grenzgängigen choreographischen Arbeit über Geschwindigkeit auf die Suche nach einem Ende.

Die separate VR-Installation ermöglicht es den Betrachter*innen,  durch die dokumentierten Räume zu reisen und die drastischen Gegensätze selbst zu erleben.

EMPIRE OF OIL    PART 1-3    24. – 27. Mai 2018
1 – A RESEARCH IN 360° (DOK. FILM, 80min)
Start um 18 Uhr / am 27.05. um 16 Uhr
2 – THE UNDERGROUND FRONTIER (PERFORMANCE, 70min)
Start um 20 Uhr / am 27.05. um 18 Uhr
3 – AN INFINITE ENDING (DANCE, 50min) PREMIERE
Start um 21:30 Uhr / am 27.05. um 19:30 Uhr
VR-INSTALLATION durchgehend

TICKETS
BALLHAUS OST

TEAM  Part 1–3

Künstlerische Leitung, Recherche , Text, Kamera, VR Felix Meyer-Christian Choreographie Jascha Viehstädt Performance, Tanz Martin Hansen, Timothy Lalonde, Julia B. Laperrière, Lea Martini, Anna-Lena Pappe, Maria Walser Voice-Over Hauke Heumann, Felix Meyer-Christian, Maria Walser Gesang Inger Lindsjørn Nordvik Buzuq Mevan Younes Bühne,  Kostüme Zahava Rodrigo, Nicole Nowak Projection Mapping, VR, Video Erik Kundt Komposition, Soundart Marcus Thomas Dramaturgie Caroline Erdmann Kamera Stefan Haehnel Fixer Irak Repak Dawdi, Hana Quader Video Michail Rybakov Video-Support René Liebert Video-Cutter Ana Catalá, Timothy Justin Lalonde, Stéphanie Morin, Miguel Murrieta Vásquez, Karo Serafin Grafik Fanny Wühr Dramaturgieassistenz Lena Mallmann Produktionsassistenz Nicole Nowak Support Doaa Ahmed

Eine Produktion von Costa Compagnie in Kooperation mit dem Ballhaus Ost. Gefördert durch die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa, spartenoffene Förderung. Mit freundlicher Unterstützung durch das Goethe Institut Irak, Verbindungsbüro Erbil, und Optoma Deutschland. Die VR-Installation wird in Kooperation mit INVR.SPACE Berlin ermöglicht.

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Presse

Tagesspiegel, 26. Mai 2018

Ein ganz besondrer Saft

Tiefenbohrungen am Theater: Das Performance-Kollektiv Costa Compagnie widmet sich mit der Trilogie „Empire of Oil“ im Ballhaus Ost dem begehrtesten Rohstoff der Welt.

Von Patrick Wildermann

Es war zu Zeiten des zweiten Golfkriegs Anfang der 90er Jahre, als man viele junge Menschen auf Demonstrationen mit Transparenten sehen konnte, die die Parole „Kein Blut für Öl!“ in die Welt riefen. Wo das schwarze Gold fließt, so das Diktum, geht es nicht um militärische Ziele. Sondern nur ums Geld. Zu einem ähnlichen Schluss gelangt das Performance-Kollektiv Costa Compagnie in seiner Trilogie „Empire of Oil“ – mit dem Unterschied, dass die Gruppe einen durchaus komplexeren Weg beschreitet, um das Geflecht von Bohrungen und Brandherden, von Ökonomie und Ökologie zu durchleuchten.

Das in Hamburg und Berlin ansässige Kollektiv ist nach Norwegen und in den Irak gereist, um mit Menschen zu sprechen, deren Leben auf sehr verschiedene Weise von den globalen Ölspuren gezeichnet ist. Seit November vergangenen Jahres haben die Künstlerinnen und Künstler um Leiter Felix Meyer-Christian aus dem gewonnenen Material bereits einen Film und eine essayistische Performance entwickelt. Mit dem dritten Teil, einer Choreografie unter dem Titel „An Infinite Ending“, findet die Unternehmung jetzt im Ballhaus Ost ihren Abschluss. Wobei anlässlich der finalen Premiere die Trilogie noch einmal im Gesamten zu erleben ist.

Erfreulich, denn „Empire of Oil“ zählt, im Gelingen wie im Scheitern, zu den interessantesten Freie-Szene-Produktionen der jüngeren Vergangenheit. Besonders der erste Teil, „A Research in 360°“, fächert ein bemerkenswertes Panorama auf. Der Dokumentarfilm wird auf eine Leinwand projiziert, von der die Zuschauer umschlossen sind. Als Inspiration diente der Rundhorizont von Hendrik Willem Mesdag von 1881, ein Gemälde, das heute noch in Den Haag das 360-Grad-Erlebnis von Strand und Nordsee ermöglicht. Der Perspektivreichtum, auf den die Costa Compagnie zielt, wird so schon technisch beglaubigt. Ergänzend kann man sich, im zweiten Stock, eine 11-minütige Mittendrin-Erfahrung per Virtual-Reality-Brille verschaffen. Da steigt man die endlose Leiter auf einer Förderplattform hinab, steht neben patrouillierenden Soldaten an einer staubigen Straße in Mossul, blickt auf zerklüftete Landschaften in einer Region, die wir den Mittleren Osten nennen.

„A Research in 360°“ sucht den größtmöglichen Kontrast der Regionen. In Norwegen, wo Ende der 60er Jahre jenes Ölwunder begann, das noch heute über ein Fondssystem den Sozialstaat sichert, treffen die Costa-Künstler unter anderem den Offshore-Manager einer großen Ölfirma. Einen irakischen Geologen, der im hohen Norden im staatlichen Auftrag sein Förder-Knowhow eingebracht hat. Sowie eine Greenpeace-Aktivistin, die analysiert, dass sich „hinter den meisten sozialen Konflikten ein ökologischer Grund“ verberge, und die auch – gendermäßig etwas bedauerlich – die gefühlige Seite des Umweltschutzes verkörpert, weil ihr beim Anblick von Seevögeln neben Bohrplattformen immer die Tränen kommen.

Im Irak hingegen landen die Künstler und mit ihnen die Zuschauer sogleich im Spannungsfeld der Konflikte zwischen US-Interessen, Verbrechen an der kurdischen Bevölkerung sowie den Umtrieben des IS. „In Kirkuk“, heißt es einmal, „riecht es nach Öl.“ Und wo der Komplex der Machtansprüche so existenzielle Dimensionen annimmt, da besitzen Fragen nach dem Klimawandel oder den Verheerungen durch Bohrungen in der Arktis wenig Relevanz.

Der zweite Teil – die Performance „Underground Frontier“ – versucht das Thema dann in postkoloniale Sphären zu weiten, hin zu Fragen wie: Wem gehört das Land, wem der Untergrund, wer besitzt die Ressourcen? Die Performerinnen Maria Walser und Julia B. Laperrière verhandeln sie vor ineinander fließenden Aufnahmen wiederum aus Norwegen und dem Irak, wobei anders als im Film die systemische Verbindung zwischen den beiden Ländern sehr angerissen bleibt. Klar, die Globalisierung lässt alles zirkulieren, nicht nur das Öl. Da fragt man sich schon, was ein Dokumentarspezialist wie Hans-Werner Kroesinger an Erkenntnissen herausdestilliert hätte. Nichtsdestotrotz hat auch dieser Teil seine lichten Momente – etwa, wenn ein Scheich aus Mossul zitiert wird, der angesichts des ersten Ölbooms in weiser Voraussicht gestöhnt haben soll: „Ich wünschte, wir hätten Wasser gefunden.“

Nebulös im wahrsten Sinne schließlich bleibt der Tanz, „An Infinite Ending“. Lea Martini und Julia B. Laperrière schaffen im künstlich zugedampften Ballhaus Ost zwar einige starke Momente von Verausgabung, Anrennen, Gefangensein im Kreislauf – aber ohne den Zusammenhang der Trilogie würden die letztlich in Ratlosigkeit verpuffen. Dabei hat „Empire of Oil“ eine klare Message: das eigene Konsumverhalten und mithin die eigene Abhängigkeit vom begehrtesten Rohstoff der Welt zu hinterfragen.

DER FREITAG

Trilogie zum globalen Rohstoff Erdöl     

Stefan Bock – 31. Mai 2018

ID 10729

Empire of Oil, das klingt ein wenig wie House of Cards oder Game of Thrones. Ein Wirtschafts- oder Ökothriller vielleicht oder sowas wie Monopoly mit Ölbohrtürmen. Mitmachspiele gibt es ja im Theater mittlerweile genug – auch an der kooperierenden Spielstätte Ballhaus Ost. Aber keine Angst, hier muss niemand mittmachen, tanzen, singen oder etwas sagen – so versichert zumindest einer der Performer der offenen Künstlerkollaboration Costa Compagnie zu Beginn des zweiten Teils einer Trilogie, bei der es um den immer noch alles beherrschenden Brennstoff Öl, dem „Blut für die Adern der Weltwirtschaft“, geht. Das ist an sich schon ein mehr als treffendes Bild. Mehr Doku- als Mitmachtheater ist dann dieser Abend, obwohl er durchaus auch einige immersive Momente hat.

Die Costa Compagnie um ihren Gründer Felix Meyer-Christian ist 2017 mit einer 360°-Kamera zu Recherchezwecken in Norwegen und im Irak unterwegs gewesen. Es geht hier natürlich um die globalen Ausmaße der monopolisierten Erdölindustrie, ums große Geld, den Krieg ums schwarze Gold und die ökologischen Folgen der Ölförderung, die mittlerweile nicht nur in der Wüste des mittleren Ostens oder Offshore in den Gewässern vor Norwegen stattfindet, sondern auch in den arktischen Gebieten jenseits der norwegischen Landesgrenzen. Aber besonders auf zwei an Erdöl reiche Gebiete hat sich die Costa Compagnie konzentriert. Man war in der norwegischen Hafenstadt Stavanger, die sich nach den Ölfunden in den 1960er Jahren zu einer modernen Stadt entwickelte, was auch ganz Norwegen zu gewissem sozialen Wohlstand verholfen hat, und in den autonomen Kurdengebieten des Nordiraks mit den in mehreren Kriegen heiß umkämpften Ölzentren Kirkuk und Mossul.

Das filmische Ergebnis der Recherche mit mehreren Interviews mit Bewohnern der Regionen und Werktätigen in der Ölindustrie Norwegens wie im Nordirak, einem ehemaligen US-Soldaten, der am Krieg zum Sturz Saddam Husseins beteiligt war, und einer norwegischen Naturschutzaktivistin ist im ersten Teil des Abends mit dem Titel A Research in 360° (der bereits im November 2017 zum ersten Mal hier gezeigt wurde) zu sehen. Dazu betritt das Publikum auf Socken ein mit Teppich ausgelegtes Oval im Ballhaus-Saal und betrachtet auf Hockern sitzend die 360°-Filmdokumentation, die auf die weißen Begrenzungsleinwände projiziert wird. Neben dem nicht uninteressanten Geschichtsabriss um die durch einen nationalen Ölfonds geregelte Verteilung der norwegischen Einnahmen aus dem Ölgeschäft schlägt der Film natürlich nicht nur eine rein filmische Brücke zu den Verteilungskämpfen um die 1927 entdeckten Ölvorkommen von Kirkuk. Ein damaliger Scheich soll gesagt haben: „Ich wünschte, wir hätten Wasser gefunden.“ Das sagt schon viel zum Nutzen, den die wertvolle Bodenressource den Irakern bisher gebracht hat. Norwegischer Wohlfahrtsstaat gegen ein Gebiet, das seine willkürliche territoriale Prägung durch ehemals koloniale Interessen erfahren hat. Hier prallen seit Jahrzehnten die unterschiedlichsten Konflikte mehr oder weniger offen und kriegerisch ausgetragen aufeinander. Iran-Irak-Krieg, Zweiter und Dritter Golfkrieg, schließlich der IS, und die um Autonomie ringenden Kurden als unliebsamer Spielball immer zwischen den Fronten.

Dass die Macher hier nicht ganz unbewusst auch Partei für die Autonomiebestrebungen der Kurden im Nordirak ergreifen, kann man zumindest in den Gesprächen mit dort lebenden und arbeitenden Kurden und Vertretern anderer Nationalitäten nachvollziehen, da sich innerhalb der kurzzeitigen Autonomiephase während des Kampfes gegen und nach dem Sieg über den IS die Region um Kirkuk wirtschaftlich recht gut entwickelt hat und als Beispiel für ein friedliches Zusammenleben verschiedener Nationalitäten und Religionsgemeinschaften gelten kann. Ein Referendum, bei dem 92 Prozent der Bevölkerung für die Unabhängigkeit stimmten, wurde von der irakischen Zentralregierung nicht anerkannt. Seit Ende 2017 ist das Gebiet nach kurzen Kämpfen mit den kurdischen Peshmerga wieder unter der Kontrolle der irakischen Armee. Das alles und natürlich auch der internationale Kampf von Greenpeace-Aktivisten gegen den Klimawandel in der Arktis wird in den Interviews, die mit den 360° umlaufenden Landschaftsbildern korrespondieren, erzählt. Ein durchaus auch ästhetisch überzeugender Beitrag zur kollektiven Erinnerung der Geschichte um das globale Reich des Öls und seine wirtschaftlichen wie ökologischen Folgen. Als nette Pausenunterhaltung kann man sich im 2. Stock des Hauses einen kurzen Zusammenschnitt als Virtuell-Reality-Film mit entsprechender VR-Brille ansehen und ist für ca. 11 Minuten tatsächlich selbst zumindest virtuell mitten im Geschehen.

Unsere Gleichgültigkeit gegenüber der Herkunft von Produkten und deren Produktionsbedingungen vor Ort, die zumeist einen nicht geringen Einfluss auf den Klimawandel haben, ist letztendlich das große Problem. Was wir nicht wissen, geht uns nichts an. Das Wort „nachhaltig“ fällt zwar nicht im zweiten Teil des Abends, zumindest aber das vom „Konsumverhalten“, an dem wir in Zukunft wohl oder übel arbeiten müssen, auch wenn es hier einmal heißt, dass es kaum ein Zurück gebe und nur der Zeitpunkt der Katastrophe noch offen sei. In der Performance The Underground Frontier, die mehr oder weniger eine Anknüpfung an den ersten Teil mit weiteren Filmbildern und Textbeiträgen ist, vertieft die These des Zusammenhangs der beiden Regionen als unterirdische Grenze und der territorialen wie politischen Überschreibung durch das Öl. Die Geopolitik der Ressourcen mit den Fragen: Wem gehört das Land? Wem gehört der Untergrund? Wem gehören die Rohstoffe?

Wohlstand und Frieden oder Krieg und Flucht. Die Zusammenhänge sind mittlerweile auch in Deutschland spürbar. Das wird hier zweisprachig in Englisch und Deutsch von drei PerformerInnen vorgetragen, ergänzt von zwei Stimmen aus dem Off, die in der dritten Person Interviewpassagen aus dem Film wiederholen. Auch der fragend schauende Killerwal aus dem Bericht eines Offshore-Ingenieurs aus dem ersten Teil taucht wieder auf. Sein staunendes „Was ist das?“ wird per Voice-Verzerrer zu elektronischer Begleitmusik, was etwas bemüht wirkt. Und eine mentale Rückführung des nun auf dem Rücken liegenden Publikums mit einer Person aus ihrer Vergangenheit, mit der es dann im Gedanken in die Grenzregionen des Öls geht, hat etwas merkwürdig Esoterisches, wie auch die anschließende rituelle Ölausgießung.

Noch waberiger wird es im letzten Teil, der Tanzperformance An Infinite Ending, bei der eine Tänzerin minutenlang hektisch mit Armen und Oberkörper kreist und dabei wie ein pausenlos fördernder Ölbohrturm aussieht, während eine zweite Tänzerin sich zunächst kaum bewegt. Man kann das vielleicht als ein Gegenüber von einer Ausgeglichenheit mit der Natur und dem unaufhörlich fortschreitenden Raubbau empfinden. Die unausweichliche Katastrophe wird mit Trockeneisnebel simuliert, bis kaum noch etwas im Raum zu sehen ist. Und trotzdem geht das ekstatisch Wedeln immer weiter. Besser lässt sich die Bilateralität von Mensch und Natur wohl nicht darstellen.

EMPIRE OF OIL / Part 2: The Underground Frontier

TAZ, 03. Februar 2018

Zur Förderung des Profits

Performative Fragen zu einem Rohstoff, der die Welt am Laufen hält – und dabei auch in Aufruhr bringt. Die Costa Compagnie im Ballhaus Ost mit „The Underground Frontier“, dem 2. Teil von „Empire of Oil“

Von Julika Bickel

Auf Socken tritt man durch den Vorhang hindurch, setzt sich auf den lila Teppich oder eines der Kissen. Der Vorhang bildet einen ovalförmigen Raum und dient gleichzeitig als Leinwand.

Man befindet sich auf einem Schiff. Um einen herum sieht man die Weite des Meeres und die Gischt, die das fahrende Schiff als Schweif im Wasser hinterlässt. Drei PerformerInnen kommen hinzu, sie halten einen Vortrag über die „Underground Frontier“. Sie wollen wissen, wo das Öl herkommt. Sie fragen: Wer besitzt das, was unter unseren Füßen liegt? Wem gehören die Schätze? Man sieht Drohnenbilder von Bohrinseln, die wie gestrandete Raumschiffe aussehen. Die Aufnahmen sind in Farbe getaucht, verfremdet, mal sind sie pink, dann gelb, dann grün. Im nächsten Moment ist man in einer zerstörten Stadt. Um einen herum stehen Ruinen von Häusern. Es erscheint ein Feuer, das aus einer Gasfackel auf einem Ölfeld kommt.

Diese Performance feierte am Donnerstag im Ballhaus Ost Premiere: „The Underground Frontier“. Das Stück ist der zweite Teil von „Empire of Oil“, einem vierteiligen Rechercheprojekt der Costa Compagnie.

Zur Recherche ist Felix Meyer-Christian, der Gründer dieser interdisziplinär arbeitenden Gruppe, nach Norwegen und in den Nordirak gereist, hat mit einer 360-Grad-Kamera gefilmt und mit den Menschen vor Ort gesprochen.

Öl und der damit zusammenhängende Klimawandel seien die derzeit größte Herausforderung der Menschheit, sagt der Theatermacher. „Es gibt nichts anderes, was das Leben auf dem Planeten so entscheidend beeinflussen wird, wie die Veränderungen, die jetzt ausgelöst werden und die bald immer stärker werden.“

Es sind beeindruckende Bilder, die einen mit „The Underground Frontier“ im Ballhaus Ost umschließen: Aufnahmen aus der Luft über arktischen Gewässern oder mitten zwischen Menschen auf einer Straße in Mossul. Dazu ertönen lang anhaltende, dunkle Klänge, die einen noch stärker in die Umgebung hineinziehen. Manchmal wirkt dieses immersive Bühnengeschehen bedrohlich, dann wieder mystisch, gar magisch.

Die Trennung zwischen Bühne und Publikum ist komplett aufgelöst. Die drei PerformerInnen gehen zwischen den sitzenden ZuschauerInnen umher, während sie ihren Vortrag auf Deutsch und Englisch halten. Ihr Auftritt hat etwas Komisches an sich, weil er so gewollt eingeprobt wirkt: der auswendig gelernte Text, die einstudierte Dramatik, das höfliche Lächeln, wie das Mikrofon nach einer kleinen Tanzeinlage wie zufällig am richtigen Ort liegt.

Dazwischen folgen abstrakte und langwierige Gedankenströme aus dem Off in indirekter Rede, denen man nicht immer folgen kann. Die Passagen verdeutlichen aber auch die Komplexität der Zusammenhänge. „Das Thema ist so unglaublich ungreifbar“, sagt Meyer-Christian. Unsere Gleichgültigkeit gegenüber dem Klimawandel beruhe darauf, dass wir nicht sehen, wo das Öl herkommt und wo es hinführt.

Mit konkreten Szenarien und Menschen will er das Thema in seiner Performance sichtbar machen. Die Rundumaufnahmen ermöglichen eine größere Autonomie des Blicks. Man kann sich umschauen, die Distanz wird verringert.

Nach einem 360-Grad-Video-Essay (das vergangenen November Premiere im Ballhaus Ost hatte) und diesem zweiten, textbasierten Teil des Rechercheprojekts sollen im Mai noch eine Tanzperformance, die sich dem Thema auf rein körperlicher Ebene widmet, und ein dann online gestellter Virtual-Reality-Film folgen. So werden die Filmaufnahmen sowie die dokumentierten Performances für Menschen auf der ganzen Welt erlebbar.

Norwegen und Nordirak sind zwei Regionen mit großen Ölressourcen – der einen hat es Wohlstand und sozialstaatlichen Frieden beschert, der anderen Krieg und Flucht. In Mossul und Kirkuk war Meyer-Christian im September 2017 zur Zeit des kurdischen Referendums, das stark mit der Hoffnung auf Gewinne aus dem Ölgeschäft verbunden war.

Vor Ort interviewte er Ölbohrer, Manager, Politiker, Journalisten und Greenpeace-Aktivisten. Die InterviewpartnerInnen erscheinen in der Performance groß auf dem Vorhang und schauen einen stumm an, während die PerformerInnen sie in indirekter Rede zitieren.

Die Aussagen werden als Song von einem Performer wiederholt. Er spielt Keyboard und singt durch ein Mikro, das seine Stimme elektronisch verzerrt: „They are looking at you / killer whales, killer whales / what is this?“ und „You can like or dislike oil and gas / you become a prostitute / you do what you do for the money.“

Norwegen ist der nach Russland wichtigste Öl- und Gaslieferant Deutschlands. Für Meyer-Christian ist das skandinavische Land der Inbegriff der westlichen, heuchlerischen Lebensweise. Selbst setzt das Land stark auf erneuerbare Energien, macht jedoch viel Profit, indem es Öl ins Ausland verkauft.

Wie stark unser Konsumverhalten mit dem Klimawandel zusammenhänge, sei ihm vor der Recherche nicht bewusst gewesen. Es gibt nicht den einen Verantwortlichen, sagt Meyer-Christian. „Wir sind alle Verursacher und zukünftige Betroffene gleichzeitig.“

Am Ende der Performance sollen sich alle mit geschlossenen Augen auf den Boden legen. Es ist ein Experiment, so die drei Vortragenden. Sie schicken einen auf eine emotionale Gedankenreise. Zusammen mit einer einem nahestehenden Person soll man sich auf die Flucht begeben. Und alles steht unter Wasser.

EMPIRE OF OIL / Part 1: A Research in 360°

ZITTY, 22. November 2017

Fluch und Segen

Die interdisziplinär arbeitende Costa Compagnie erforscht in „Empire of Oil“ im Ballhaus Ost auf innovative Weise, wie Gesellschaften durchs Öl vergiftet werden – und wie man das zumindest dosieren könnte

Meer und Wüste sind nicht nur weite Flächen, auf denen Menschen sich eher ungern aufhalten. In manchem Meeresboden, unter manchem Wüstensand steckt auch das schwarze Gold – ein Fluch und Segen zugleich.

An die ölreiche Küste vor Norwegen und auf den ebenso ölreichen Sand des Nord­iraks hat sich die Costa Compagnie begeben, um vor Ort zu untersuchen, wie der Rohstoff die dortige Bevölkerung prägt. Sie befragte Ölbohrer und Manager aus Skandinavien, war im Büro von kurdischen Politikern, deren Unabhängigkeitsbestrebungen eng mit den erhofften Gewinnen aus dem Ölgeschäft verbunden sind. Diese und andere Interviews sind nun Teil der immersiven Performance „Empire of Oil – A Research in 360°“.

Auch eine Dichterin und ein kritischer Journalist aus dem Nordirak wurden interviewt und die mittlerweile zur Heldin aufgestiegene Greenpeace-Aktivistin Sini Saarela – sie gehörte zu den von Russland eine Zeitlang eingesperrten „Arctic 30“. Die Aussagen der etwa zwei Dutzend Personen werden eingebettet in opulente 360-Grad-Filme, die in einem Rundhorizont im Ballhaus Ost zu sehen sind. Die Filme, teils Drohnenaufnahmen, teils statisch aufgenommen, zeigen Bohrtürme in arktischen Gewässern und im vom Krieg zerstörten Nordirak.

Eine Schlüsselfigur ist dabei der irakische Geologe Farouk Al Kasim. Er kam in den 1960er-Jahren nach Norwegen, auf der Suche nach medizinischer Betreuung für seinen kranken Sohn. Damals begann Norwegen, seine Ölfelder zu erschließen. Al Kasim warnte vor den Fehlern seiner Heimat: Die irakische Elite hatte im Rausch des schnellen Geldes Konzessionen an britische und US-amerikanische Firmen regelrecht verschleudert und steckte die Gewinne, die nicht außer Landes gingen, meist in die eigene Tasche. Norwegens Öl-Staatsfonds, der dem gesamten Land beachtlichen Wohlstand beschert, ist auch Al Kasims Warnungen zu verdanken.

Allerdings stieß Felix Meyer-Chris­tian, Filmemacher und Regisseur der Costa Compagnie, auch im Beispielland Norwegen auf manche Wand des Schweigens; vor allem dann, wenn er nach den globalen Folgen des hübschen Ölgeschäfts der Skandinavier fragte: Klimawandel, Umweltschäden und -zerstörung. „Empire of Oil“ fragt daher auch, warum viele Industrien noch immer auf Öl basieren, und wer daran verdient, obwohl technologisch ein Energiewandel längst möglich wäre.

Zwei Performer interagieren zum Filmgeschehen live mit dem Publikum, das Projekt ist aber auf mehrere Teile angelegt. In weiteren Phasen will die Costa Compagnie im nächsten Jahr die 360-Grad-Filminstallation um eine textbasierte Performance (Premiere 1. Feburar) und später um eine Tanzperformance (Premiere 23. Mai) erweitern.

Das alles soll ebenfalls mit einer 360-Grad-Kamera dokumentiert werden und aus dem gesamten Material schließlich eine voll-immersive Virtual Reality-Umgebung entstehen. „Wir wollen herausfinden, was die VR-Technologie für das Theater bedeuten kann“, meint Meyer-Christian. Am 23. November fällt im Ballhaus Ost der Startschuss für das Technologie-Experiment im Dokumentartheater-Kontext. 

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