„Empire of Oil“ zĂ€hlt, im Gelingen wie im Scheitern, zu den interessantesten Freie-Szene-Produktionen der jĂŒngeren Vergangenheit. Besonders der erste Teil, „A Research in 360°“, fĂ€chert ein bemerkenswertes Panorama auf. Der Dokumentarfilm wird auf eine Leinwand projiziert, von der die Zuschauer umschlossen sind.
Tagesspiegel Berlin, 26. Mai 2018

Es sind beeindruckende Bilder, die einen mit „The Underground Frontier“ im Ballhaus Ost umschließen: Aufnahmen aus der Luft ĂŒber arktischen GewĂ€ssern oder mitten zwischen Menschen auf einer Straße in Mossul. Dazu ertönen lang anhaltende, dunkle KlĂ€nge, die einen noch stĂ€rker in die Umgebung hineinziehen. Manchmal wirkt dieses immersive BĂŒhnengeschehen bedrohlich, dann wieder mystisch, gar magisch.
TAZ, 03.02.2018

Ein durchaus auch Ă€sthetisch ĂŒberzeugender Beitrag zur kollektiven Erinnerung der Geschichte um das globale Reich des Öls und seine wirtschaftlichen wie ökologischen Folgen. (…) Besser lĂ€sst sich die BilateralitĂ€t von Mensch und Natur wohl nicht darstellen.
DER FREITAG, online 31.05.2018

„Die Aussagen der etwa zwei Dutzend Personen werden eingebettet in opulente 360-Grad-Filme, die in einem Rundhorizont im Ballhaus Ost zu sehen sind. Die Filme, teils Drohnenaufnahmen, teils statisch aufgenommen, zeigen BohrtĂŒrme in arktischen GewĂ€ssern und im vom Krieg zerstörten Nordirak.“
ZITTY Berlin, 22. November 2017

„Das nĂ€chste StĂŒck handelt ĂŒbrigens von der zunehmenden Faschistisierung des politischen Klimas. Trump, AfD und Co. Wieder wird die costa compagnie recherchieren, dicht am Material bleiben und gleichzeitig nach einer neuen choreographischen Form suchen. Denn unsere RealitĂ€t ist viel zu komplex, um sie zu verallgemeinern.“
BLOG – Performing Arts Festival Berlin 2017

„Sie interviewten Soldaten, Zivilisten, Taliban-Fans und emanzipierte Aktivistinnen, filmten ihren Anflug auf staubige HĂ€userreihen, spielende Kinder auf weiten PlĂ€tzen, friedliches Brotbacken zu heiterer orientalischer Musik oder bedeutungsschwangerem Elektro. Heraus kommt: Erstaunliches. WidersprĂŒchliches. Hoffnungsvolles. Flehendes.“
Theater Heute, August 2016

„Damit nĂ€hert sich „Conversion / Nach Afghanistan“ mit einer tiefgrĂŒndigen Inszenierung kĂŒnstlerisch komplexen LebensrealitĂ€ten an und animiert zum Nachdenken.“
ORF (Österreichischer Rundfunk), 09.04.2016

„In eindrucksvollen Bild-, Sound- und Tanzkompositionen, arrangiert mit intelligent montiertem Text aus dokumentarischen und essayistischen Anteilen, gelingt es der Performance-Gruppe „Costa Compagnie“, sich mit kĂŒnstlerischen Mitteln Erfahrungen einer heterogenen afghanischen Gegenwart anzueignen, sie in einen politischen wie auch emotionalen Kontext zu ĂŒbersetzen und bei aller BestĂŒrzung, einen Hoffnungsschimmer aufblitzen zu lassen.“
Theaterpur.net, 30.06.2016

„… die Truppe macht zuletzt auch ihre eigene Rolle zum Thema. Können und dĂŒrfen westliche KĂŒnstler fĂŒr die Menschen Afghanistans sprechen, ohne dabei deren Stimmen zu verfĂ€lschen oder in Moral-Kitsch oder in Kunst-Kolonialismus abzugleiten? Auf fantastische und smarte, wenn auch teilweise ausufernde Weise wird so die Vielstimmigkeit und WidersprĂŒchlichkeit im Umgang mit sogenannten Krisengebieten unmittelbar erfahrbar!“
Kronenzeitung, 09.04.2016

»Start Cooking 
 Recipe will follow«, hat der  »Impulse Theater Festival 2016«-Leiter Florian Malzacher seinem Festival als Jahrgangs-Motto verpasst. Was in etwa auch der Leitspruch des Einsatzes der Amerikaner und Deutschen in Afghanistan war. Kurz vor Ende der ISAF-Mission sind die KĂŒnstler der Costa-Compagnie unter FĂŒhrung von Felix Meyer-Christian noch mal an den Hindukush gereist, um zu schauen, welche Freiheit da genau verteidigt wurde. Mit Soldaten haben sie gesprochen, mit Zivilisten, mit Taliban-Fans und emanzipierten Frauen. Entstanden ist aus der Recherche die kluge Performance »Conversion / Nach Afghanistan«. Ein Mix aus Videoimpressionen, Tanzpassagen und Dokutheater. Im Satz eines interviewten Befehlshabers, wonach die »Freund-Feind-Kennung« vor Ort verloren gegangen sei, ist dabei ziemlich prĂ€zise der Status quo der militĂ€risch-moralischen Orientierungslosigkeit zusammengefasst. Noch ein KriegsstĂŒck, das ohne Didaktik ĂŒberzeugt.“
www.kulturwest.de, 15.06.2016

„(…) unter all den gelisteten VorschlĂ€gen fĂŒr Theaterbesuche auch eine Produktion war, die eben jener Frage nach Kunst, Politik und Handeln tiefgrĂŒndig, mutig und gleichzeitig erfrischend offen am allerkonkretesten nachging, wie es vorher so noch nicht gesehen wurde: „Conversion – Nach Afghanistan“ am völlig ĂŒberfĂŒllten Ballhaus Ost von der freien Gruppe Costa Compagnie. (…)
Die Gruppe selbst bleibt dabei nicht neutral und verweist nach einer klaren Benennung der Problematiken im Land und der WidersprĂŒche des Westens in ihrem Abschlusstext auf die UngĂŒltigkeit einer kapitalistischen Kosten-Nutzen-Rechnung im Kriegsgebiet und fordert ganz utopisch „polyphone Prinzipien“ und eine Neuausrichtung des Denkens innerhalb der eigenen Bewertung, um parallel sehr real-politisch ein Ende der Gewalt einzufordern – „mit welchen Mitteln auch immer“. Wer etwas dringliches von der Welt erfahren will und mehr auf „Art“ statt auf „Artivism“ setzt, muss diesen Abend gesehen haben.“
www.nachtkritik.de / leserkritiken, 30.01.2016

„Die Costa Compagnie versucht nicht, als WelterklĂ€rer aufzutreten. Sie dokumentiert mit kĂŒnstlerischen Mitteln wirkungsmĂ€chtig das Kaleidoskop einer heterogenen afghanischen Gegenwart auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft. Eine bemerkenswerte Leistung.“

Mannheimer Morgen, 11.05.2015 

„Kritiker(innen) des herkömmlichen Frauenbilds in Afghanistan kommen ebenso zu Wort wie BefĂŒrworter der Taliban und der Scharia, Soldaten der Isaf-Truppen ebenso wie Zivilisten. In leidenschaftlichen Tanzsequenzen ahnt man traumatische Erlebnisse. (…) Etwas erschlagen entlĂ€sst einen diese Inszenierung, bei der im dichten KnĂ€uel der atemlos einander abwechselnden Szenen und Fragmente die Orientierung bisweilen verloren geht. Dennoch: Überdeutlich und eindrucksvoll artikuliert sich am Ende die sorgenvolle Frage: Afghanistan, quo vadis? Es gelingen packende Bilder und eindringliche Momente, vor allem im Tanz, fĂŒr die dem Hamburg-Heidelberger Ensemble Lob gebĂŒhrt. Das Publikum zeigte sich mit langem, herzlichem Beifall sehr angetan.“

Rhein-Neckar-Zeitung, 11.05.2015

Bei „Traces of Afghanistan“ fĂŒgen sich nun ErzĂ€hlberichte, Film, Toneinspielungen, Interview-LeseauszĂŒge und Tanz zu einem differenzierten, multiperspektivischen Performance-Mosaik aus Gegenwartsanalyse und gegenseitiger Wahrnehmung zusammen, das einen mit Spannung auf die ErgebnisprĂ€sentation am 8. Mai warten lĂ€sst.

Mannheimer Morgen, 16.02.2015

„…’60 seconds‘ gehört – neben dem bereits im Juni uraufgefĂŒhrten, auf Interviews basierenden visuellen Raumessay CONVERSION_1 der costa compagnie – zum EindrĂŒcklichsten des Gesamtparcours (Festival Born-with-the-USA).“

Theater der Zeit, 11/2014

„Eine der ungewöhnlichsten Theaterproduktionen der letzten Jahre.“

Rhein-Neckar-Zeitung, 16.06.2014 

„Die AuffĂŒhrung bietet insgesamt eine atemberaubende Mischung aus Tanz, Musik und Video.“

Feuilleton Ruprecht Heidelberger Studentenzeitung, 26.07.2014 

„…das Endergebnis – eine „Chogeographie“ – schreitet geographische und zeitliche RĂ€ume ab, immer auf der Suche nach der erlebten Erinnerung, die fĂŒr den Einzelnen die Wirklichkeit darstellt. Kann man aus der Vergangenheit ĂŒberhaupt Erkenntnisse fĂŒr die Zukunft ziehen? Oder wiederholt sich Geschichte ohnehin nie? Die Costa Compagnie stellt diese Fragen sehr deutlich und zeigt in vielen Sequenzen, dass es ‚die‘ historische Wirklichkeit, geschweige denn eine dokumentierte Wahrheit, nicht gibt. Der KĂŒnstlerische Leiter Felix Meyer-Christian setzt die Mitglieder der Costa Compagnie eindrucksvoll in Szene, besonders die Tanz-Szenen zeugen von großer ProfessionalitĂ€t.“

Rhein-Neckar-Zeitung, 11.07.2014

„Die KĂŒnstlergruppe costa compagnie entwickelte in einer zehntĂ€gigen Arbeitsphase (und 6-wöchigen Residency) im Hafenbahnhof und im Steubenhöft im Auftrag des Kunstvereins Einzelarbeiten und eine Sequenz von Performances, die sich unter anderem mit der Raketenforschung Cuxhavens, Beiruts und Cape Canaverals beschĂ€ftigte. Letzteres konnten die Besucher der Aktion eindrucksvoll im Kuppelsaal der HAPAG-Halle nachvollziehen, wo drei Videos aus diesen Orten gegenĂŒbergestellt wurden. Eingesprochene Live-Texte auf Deutsch und Englisch ermöglichten einen Zugang.“

Cuxhavener Nachrichten, 24.05.2014

„Der Abend ,Die große zoologische Pandemie‘ besticht auf jeden Fall immer wieder mit seiner unbĂ€ndigen Unterhaltsamkeit, die den unterschiedlichen Temperaturen des Textes gerecht wird und gleichzeitig ĂŒber die Vorlage hinausweist. Dabei gebiert die Inszenierung ganz eigene Bilderwelten, die zwischen Wirklichkeit und Traum delirieren.“

nachtkritik.de, 18.04.2014

„Er [Felix Meyer-Christian] nimmt die Vorlage als Sprachpartitur und lĂ€sst das Ensemble damit regelrecht rocken. (…) Was Nora Decker, Mathias Spaan und Stefan Graf an Kabarett, Clownerie und Zirkusartistik auffĂŒhren, ist mitreißend – eine Power-Performance, bei der selbst verschwurbelte Gedanken mit enormer Dringlichkeit dargeboten werden.“

Stefan Benz, ECHO, 23. April 2014

„Diese Performance erhellt den Schatten, den sie vorauswirft.“

Die Welt, 19.01.2013 zu „Fukushima, my love“

„Unfassbar und unsichtbar bleibt die verheerende Strahlung letztlich auch an diesem knapp zweistĂŒndigen Abend. Aber die zeitarchĂ€ologische AnnĂ€herung an den glĂŒhenden Kern der Katastrophe durch die Hamburger GĂ€ste sorgte doch fĂŒr eine ganz erhebliche Sensibilisierung hinsichtlich der fatalen Konsequenzen.“

Rhein-Neckar-Zeitung, 04.10.2013

„Fukushima, my love vermittelt kunstvoll Wissen, GefĂŒhl und VerstĂ€ndnis zu Fukushima und der japanischen Kultur.“

Now!Out,10.06.2013

„Die japanischen Studenten unterstĂŒtzten Meyer-Christian bei seiner Recherche. Eine Studentin dolmetschte, denn auf dem Land, auch im Gebiet in der 20-Kilometer-Sperrzone um die Reaktoren herum, spricht kaum jemand Englisch oder gar Deutsch.“

Hamburger Abendblatt, 19.01.2013

„Die große zoologische Pandemie“ ist in etwa so, wie sich der Laie „modernes Theater“ vorstellt: Bunt, laut, bruchstĂŒckhaft und undurchschaubar, aber nichtsdestotrotz ein Heidenspaß.“

Mainzer-Rhein-Zeitung, 23.09.2012

„Felix Meyer-Christian packt am konzessionslosen Abend, Ă€hnlich seinen anderen historisch-kritischen Recherchen, ein verdrĂ€ngtes heißes Thema an. Und baut – mit gedanklicher SchĂ€rfe und kĂŒnstlerischer WiderstĂ€ndigkeit – eine artistische Stromschnelle in den sich konsumfreundlich und trĂ€ge dahinwĂ€lzenden Theater-Mainstream.“

Hamburger Abendblatt, 12.09.2012

„Das ist ein durchweg starker Zugriff auf Kohlhaas und Kleist mit den Mitteln des Theaters.“

Michael Laages, 20.02.12, Jury-Entscheidung zum Körber Studio Junge Regie 2012 ^

In Zeiten arabischer Revolutionen, Occupy-Bewegung und Demonstrationen in EU-Staaten ist der freien Gruppe Costa Compagnie ein aktueller Beitrag von inhaltlicher und kĂŒnstlerischer Brisanz gelungen.“

www.hamburgtheater.de, 20.02.12

„Überzeugend auch „Kohlhaas. Frei nach Kleist“ von Felix Meyer-Christian von der Hamburger Theaterakademie, der zeigte, dass ein sorgsam karges BĂŒhnenbild wahre Wunder wirken kann, wenn einer es versteht, seine Spieler zu leiten – und umgekehrt.“

Die Welt, 05.04.12 

„Eine reife und heutig reflektierte Interpretation des Novellenstoffs von Felix Meyer-Christian von der Hamburger Theaterakademie.“

Hamburger Abendblatt, 07.04.12

„Regisseur Felix Meyer-Christian verschafft ein intensives Theatererlebnis. (…) Das alles ist zum Weinen traurig und doch beglĂŒckend, weil dieses StĂŒck so gelungen ist.“

Neue OsnabrĂŒcker Zeitung, 3.11.2011

„Der gewagte Versuch, die Katastrophen und glĂŒcklichen ZufĂ€lle von 1645 in Kleists „Erdbeben“-Novelle in dem tatsĂ€chlichen Exodus der KZ-HĂ€ftlinge von Stutthof nach Neustadt von 1945 zu spiegeln, ging ĂŒberraschend gut auf. (…)Bewegend, ohne Pathos, fallen Fakten und Fiktion in diesem Requiem mit Gesang ineinander. Ein starker Finale-Schlusspunkt.“

Hamburger Abendblatt, 04.04.2011

„Als Danny (…) in seiner Verzweiflung BĂŒhnenaufbau und Vorhang niederreißt und dahinter doch nur ein grĂ¶ĂŸeres GefĂ€ngnis vorfindet, ist das in seiner Klarheit ein so unsagbar starker Moment, wie er nur aus planvoller Reduktion resultieren kann.“

nachtkritik.de, 12. Juli 2010

„Der Mut und das Geschick, mit dem sie (…) durch solche Zitate den Faust II ins Jetzt hieven und dabei verschiedenen SpielĂ€sthetiken und Genres zur Collage ineinander fließen lassen, ohne sich dabei im Weg zu stehen, macht Spaß und gespannt auf weitere spĂ€te NĂ€chte.“

körber studio junge regie textversion, 20. MÀrz 2010

RADIO-Interviews

Deutschlandradio Kultur

Kompressor vom 02.05.2018

Kunstprojekt auf der re:publica18 – Was die Erdölförderung ausmacht

https://www.deutschlandfunkkultur.de/kunstprojekt-auf-der-re-publica-was-die-erdoelfoerderung.2156.de.html?dram:article_id=416990

Deutschlandradio Kultur

Rang 1 – Theatermagazin

12.07.2014

Zu CONVERSION_1

http://www.deutschlandradiokultur.de/theater-intendanzen-ueberall-neustarts.2159.de.html?dram:article_id=291495 

SĂŒdwestrundfunk

SWR2 am Morgen

Zu CONVERSION_1: ArchÀologie der Gegenwart

http://swrmediathek.de/suche.htm?econt=conversi 

Deutschlandradio Kultur

Radiofeuilleton – BĂŒhne

20.01.2013

Zu FUKUSHIMA, MY LOVE

http://www.youtube.com/watch?v=aAvBUAb-EoQ 

Deutschlandradio Kultur

Radiofeuilleton – BĂŒhne

30.03.2012

Zu Kohlhaas. Frei nach Kleist.:

http://journalismus-mhmk.de/digger/koerber-studio-abendessen-felix-meyer-christian/ 

PRINT- und ONLINE-MEDIEN

Produktion: EMPIRE OF OIL / Part 1 – 3

Tagesspiegel, 26. Mai 2018

Ein ganz besondrer Saft

Tiefenbohrungen am Theater: Das Performance-Kollektiv Costa Compagnie widmet sich mit der Trilogie „Empire of Oil“ im Ballhaus Ost dem begehrtesten Rohstoff der Welt.

Von Patrick Wildermann

Es war zu Zeiten des zweiten Golfkriegs Anfang der 90er Jahre, als man viele junge Menschen auf Demonstrationen mit Transparenten sehen konnte, die die Parole „Kein Blut fĂŒr Öl!“ in die Welt riefen. Wo das schwarze Gold fließt, so das Diktum, geht es nicht um militĂ€rische Ziele. Sondern nur ums Geld. Zu einem Ă€hnlichen Schluss gelangt das Performance-Kollektiv Costa Compagnie in seiner Trilogie „Empire of Oil“ – mit dem Unterschied, dass die Gruppe einen durchaus komplexeren Weg beschreitet, um das Geflecht von Bohrungen und Brandherden, von Ökonomie und Ökologie zu durchleuchten.

Das in Hamburg und Berlin ansĂ€ssige Kollektiv ist nach Norwegen und in den Irak gereist, um mit Menschen zu sprechen, deren Leben auf sehr verschiedene Weise von den globalen Ölspuren gezeichnet ist. Seit November vergangenen Jahres haben die KĂŒnstlerinnen und KĂŒnstler um Leiter Felix Meyer-Christian aus dem gewonnenen Material bereits einen Film und eine essayistische Performance entwickelt. Mit dem dritten Teil, einer Choreografie unter dem Titel „An Infinite Ending“, findet die Unternehmung jetzt im Ballhaus Ost ihren Abschluss. Wobei anlĂ€sslich der finalen Premiere die Trilogie noch einmal im Gesamten zu erleben ist.

Erfreulich, denn „Empire of Oil“ zĂ€hlt, im Gelingen wie im Scheitern, zu den interessantesten Freie-Szene-Produktionen der jĂŒngeren Vergangenheit. Besonders der erste Teil, „A Research in 360°“, fĂ€chert ein bemerkenswertes Panorama auf. Der Dokumentarfilm wird auf eine Leinwand projiziert, von der die Zuschauer umschlossen sind. Als Inspiration diente der Rundhorizont von Hendrik Willem Mesdag von 1881, ein GemĂ€lde, das heute noch in Den Haag das 360-Grad-Erlebnis von Strand und Nordsee ermöglicht. Der Perspektivreichtum, auf den die Costa Compagnie zielt, wird so schon technisch beglaubigt. ErgĂ€nzend kann man sich, im zweiten Stock, eine 11-minĂŒtige Mittendrin-Erfahrung per Virtual-Reality-Brille verschaffen. Da steigt man die endlose Leiter auf einer Förderplattform hinab, steht neben patrouillierenden Soldaten an einer staubigen Straße in Mossul, blickt auf zerklĂŒftete Landschaften in einer Region, die wir den Mittleren Osten nennen.

„A Research in 360°“ sucht den grĂ¶ĂŸtmöglichen Kontrast der Regionen. In Norwegen, wo Ende der 60er Jahre jenes Ölwunder begann, das noch heute ĂŒber ein Fondssystem den Sozialstaat sichert, treffen die Costa-KĂŒnstler unter anderem den Offshore-Manager einer großen Ölfirma. Einen irakischen Geologen, der im hohen Norden im staatlichen Auftrag sein Förder-Knowhow eingebracht hat. Sowie eine Greenpeace-Aktivistin, die analysiert, dass sich „hinter den meisten sozialen Konflikten ein ökologischer Grund“ verberge, und die auch – gendermĂ€ĂŸig etwas bedauerlich – die gefĂŒhlige Seite des Umweltschutzes verkörpert, weil ihr beim Anblick von Seevögeln neben Bohrplattformen immer die TrĂ€nen kommen.

Im Irak hingegen landen die KĂŒnstler und mit ihnen die Zuschauer sogleich im Spannungsfeld der Konflikte zwischen US-Interessen, Verbrechen an der kurdischen Bevölkerung sowie den Umtrieben des IS. „In Kirkuk“, heißt es einmal, „riecht es nach Öl.“ Und wo der Komplex der MachtansprĂŒche so existenzielle Dimensionen annimmt, da besitzen Fragen nach dem Klimawandel oder den Verheerungen durch Bohrungen in der Arktis wenig Relevanz.

Der zweite Teil – die Performance „Underground Frontier“ – versucht das Thema dann in postkoloniale SphĂ€ren zu weiten, hin zu Fragen wie: Wem gehört das Land, wem der Untergrund, wer besitzt die Ressourcen? Die Performerinnen Maria Walser und Julia B. LaperriĂšre verhandeln sie vor ineinander fließenden Aufnahmen wiederum aus Norwegen und dem Irak, wobei anders als im Film die systemische Verbindung zwischen den beiden LĂ€ndern sehr angerissen bleibt. Klar, die Globalisierung lĂ€sst alles zirkulieren, nicht nur das Öl. Da fragt man sich schon, was ein Dokumentarspezialist wie Hans-Werner Kroesinger an Erkenntnissen herausdestilliert hĂ€tte. Nichtsdestotrotz hat auch dieser Teil seine lichten Momente – etwa, wenn ein Scheich aus Mossul zitiert wird, der angesichts des ersten Ölbooms in weiser Voraussicht gestöhnt haben soll: „Ich wĂŒnschte, wir hĂ€tten Wasser gefunden.“

Nebulös im wahrsten Sinne schließlich bleibt der Tanz, „An Infinite Ending“. Lea Martini und Julia B. LaperriĂšre schaffen im kĂŒnstlich zugedampften Ballhaus Ost zwar einige starke Momente von Verausgabung, Anrennen, Gefangensein im Kreislauf – aber ohne den Zusammenhang der Trilogie wĂŒrden die letztlich in Ratlosigkeit verpuffen. Dabei hat „Empire of Oil“ eine klare Message: das eigene Konsumverhalten und mithin die eigene AbhĂ€ngigkeit vom begehrtesten Rohstoff der Welt zu hinterfragen.

DER FREITAG

Trilogie zum globalen Rohstoff Erdöl     

Stefan Bock – 31. Mai 2018

ID 10729

Empire of Oil, das klingt ein wenig wie House of Cards oder Game of Thrones. Ein Wirtschafts- oder Ökothriller vielleicht oder sowas wie Monopoly mit ÖlbohrtĂŒrmen. Mitmachspiele gibt es ja im Theater mittlerweile genug – auch an der kooperierenden SpielstĂ€tte Ballhaus Ost. Aber keine Angst, hier muss niemand mittmachen, tanzen, singen oder etwas sagen – so versichert zumindest einer der Performer der offenen KĂŒnstlerkollaboration Costa Compagnie zu Beginn des zweiten Teils einer Trilogie, bei der es um den immer noch alles beherrschenden Brennstoff Öl, dem „Blut fĂŒr die Adern der Weltwirtschaft“, geht. Das ist an sich schon ein mehr als treffendes Bild. Mehr Doku- als Mitmachtheater ist dann dieser Abend, obwohl er durchaus auch einige immersive Momente hat.

Die Costa Compagnie um ihren GrĂŒnder Felix Meyer-Christian ist 2017 mit einer 360°-Kamera zu Recherchezwecken in Norwegen und im Irak unterwegs gewesen. Es geht hier natĂŒrlich um die globalen Ausmaße der monopolisierten Erdölindustrie, ums große Geld, den Krieg ums schwarze Gold und die ökologischen Folgen der Ölförderung, die mittlerweile nicht nur in der WĂŒste des mittleren Ostens oder Offshore in den GewĂ€ssern vor Norwegen stattfindet, sondern auch in den arktischen Gebieten jenseits der norwegischen Landesgrenzen. Aber besonders auf zwei an Erdöl reiche Gebiete hat sich die Costa Compagnie konzentriert. Man war in der norwegischen Hafenstadt Stavanger, die sich nach den Ölfunden in den 1960er Jahren zu einer modernen Stadt entwickelte, was auch ganz Norwegen zu gewissem sozialen Wohlstand verholfen hat, und in den autonomen Kurdengebieten des Nordiraks mit den in mehreren Kriegen heiß umkĂ€mpften Ölzentren Kirkuk und Mossul.

Das filmische Ergebnis der Recherche mit mehreren Interviews mit Bewohnern der Regionen und WerktĂ€tigen in der Ölindustrie Norwegens wie im Nordirak, einem ehemaligen US-Soldaten, der am Krieg zum Sturz Saddam Husseins beteiligt war, und einer norwegischen Naturschutzaktivistin ist im ersten Teil des Abends mit dem Titel A Research in 360° (der bereits im November 2017 zum ersten Mal hier gezeigt wurde) zu sehen. Dazu betritt das Publikum auf Socken ein mit Teppich ausgelegtes Oval im Ballhaus-Saal und betrachtet auf Hockern sitzend die 360°-Filmdokumentation, die auf die weißen BegrenzungsleinwĂ€nde projiziert wird. Neben dem nicht uninteressanten Geschichtsabriss um die durch einen nationalen Ölfonds geregelte Verteilung der norwegischen Einnahmen aus dem ÖlgeschĂ€ft schlĂ€gt der Film natĂŒrlich nicht nur eine rein filmische BrĂŒcke zu den VerteilungskĂ€mpfen um die 1927 entdeckten Ölvorkommen von Kirkuk. Ein damaliger Scheich soll gesagt haben: „Ich wĂŒnschte, wir hĂ€tten Wasser gefunden.“ Das sagt schon viel zum Nutzen, den die wertvolle Bodenressource den Irakern bisher gebracht hat. Norwegischer Wohlfahrtsstaat gegen ein Gebiet, das seine willkĂŒrliche territoriale PrĂ€gung durch ehemals koloniale Interessen erfahren hat. Hier prallen seit Jahrzehnten die unterschiedlichsten Konflikte mehr oder weniger offen und kriegerisch ausgetragen aufeinander. Iran-Irak-Krieg, Zweiter und Dritter Golfkrieg, schließlich der IS, und die um Autonomie ringenden Kurden als unliebsamer Spielball immer zwischen den Fronten.

Dass die Macher hier nicht ganz unbewusst auch Partei fĂŒr die Autonomiebestrebungen der Kurden im Nordirak ergreifen, kann man zumindest in den GesprĂ€chen mit dort lebenden und arbeitenden Kurden und Vertretern anderer NationalitĂ€ten nachvollziehen, da sich innerhalb der kurzzeitigen Autonomiephase wĂ€hrend des Kampfes gegen und nach dem Sieg ĂŒber den IS die Region um Kirkuk wirtschaftlich recht gut entwickelt hat und als Beispiel fĂŒr ein friedliches Zusammenleben verschiedener NationalitĂ€ten und Religionsgemeinschaften gelten kann. Ein Referendum, bei dem 92 Prozent der Bevölkerung fĂŒr die UnabhĂ€ngigkeit stimmten, wurde von der irakischen Zentralregierung nicht anerkannt. Seit Ende 2017 ist das Gebiet nach kurzen KĂ€mpfen mit den kurdischen Peshmerga wieder unter der Kontrolle der irakischen Armee. Das alles und natĂŒrlich auch der internationale Kampf von Greenpeace-Aktivisten gegen den Klimawandel in der Arktis wird in den Interviews, die mit den 360° umlaufenden Landschaftsbildern korrespondieren, erzĂ€hlt. Ein durchaus auch Ă€sthetisch ĂŒberzeugender Beitrag zur kollektiven Erinnerung der Geschichte um das globale Reich des Öls und seine wirtschaftlichen wie ökologischen Folgen. Als nette Pausenunterhaltung kann man sich im 2. Stock des Hauses einen kurzen Zusammenschnitt als Virtuell-Reality-Film mit entsprechender VR-Brille ansehen und ist fĂŒr ca. 11 Minuten tatsĂ€chlich selbst zumindest virtuell mitten im Geschehen.

Unsere GleichgĂŒltigkeit gegenĂŒber der Herkunft von Produkten und deren Produktionsbedingungen vor Ort, die zumeist einen nicht geringen Einfluss auf den Klimawandel haben, ist letztendlich das große Problem. Was wir nicht wissen, geht uns nichts an. Das Wort „nachhaltig“ fĂ€llt zwar nicht im zweiten Teil des Abends, zumindest aber das vom „Konsumverhalten“, an dem wir in Zukunft wohl oder ĂŒbel arbeiten mĂŒssen, auch wenn es hier einmal heißt, dass es kaum ein ZurĂŒck gebe und nur der Zeitpunkt der Katastrophe noch offen sei. In der Performance The Underground Frontier, die mehr oder weniger eine AnknĂŒpfung an den ersten Teil mit weiteren Filmbildern und TextbeitrĂ€gen ist, vertieft die These des Zusammenhangs der beiden Regionen als unterirdische Grenze und der territorialen wie politischen Überschreibung durch das Öl. Die Geopolitik der Ressourcen mit den Fragen: Wem gehört das Land? Wem gehört der Untergrund? Wem gehören die Rohstoffe?

Wohlstand und Frieden oder Krieg und Flucht. Die ZusammenhĂ€nge sind mittlerweile auch in Deutschland spĂŒrbar. Das wird hier zweisprachig in Englisch und Deutsch von drei PerformerInnen vorgetragen, ergĂ€nzt von zwei Stimmen aus dem Off, die in der dritten Person Interviewpassagen aus dem Film wiederholen. Auch der fragend schauende Killerwal aus dem Bericht eines Offshore-Ingenieurs aus dem ersten Teil taucht wieder auf. Sein staunendes „Was ist das?“ wird per Voice-Verzerrer zu elektronischer Begleitmusik, was etwas bemĂŒht wirkt. Und eine mentale RĂŒckfĂŒhrung des nun auf dem RĂŒcken liegenden Publikums mit einer Person aus ihrer Vergangenheit, mit der es dann im Gedanken in die Grenzregionen des Öls geht, hat etwas merkwĂŒrdig Esoterisches, wie auch die anschließende rituelle Ölausgießung.

Noch waberiger wird es im letzten Teil, der Tanzperformance An Infinite Ending, bei der eine TĂ€nzerin minutenlang hektisch mit Armen und Oberkörper kreist und dabei wie ein pausenlos fördernder Ölbohrturm aussieht, wĂ€hrend eine zweite TĂ€nzerin sich zunĂ€chst kaum bewegt. Man kann das vielleicht als ein GegenĂŒber von einer Ausgeglichenheit mit der Natur und dem unaufhörlich fortschreitenden Raubbau empfinden. Die unausweichliche Katastrophe wird mit Trockeneisnebel simuliert, bis kaum noch etwas im Raum zu sehen ist. Und trotzdem geht das ekstatisch Wedeln immer weiter. Besser lĂ€sst sich die BilateralitĂ€t von Mensch und Natur wohl nicht darstellen.

Produktion: EMPIRE OF OIL / Part 2: The Underground Frontier

TAZ, 03. Februar 2018

Zur Förderung des Profits

Performative Fragen zu einem Rohstoff, der die Welt am Laufen hĂ€lt – und dabei auch in Aufruhr bringt. Die Costa Compagnie im Ballhaus Ost mit „The Underground Frontier“, dem 2. Teil von „Empire of Oil“

Von Julika Bickel

Auf Socken tritt man durch den Vorhang hindurch, setzt sich auf den lila Teppich oder eines der Kissen. Der Vorhang bildet einen ovalförmigen Raum und dient gleichzeitig als Leinwand.

Man befindet sich auf einem Schiff. Um einen herum sieht man die Weite des Meeres und die Gischt, die das fahrende Schiff als Schweif im Wasser hinterlĂ€sst. Drei PerformerInnen kommen hinzu, sie halten einen Vortrag ĂŒber die „Underground Frontier“. Sie wollen wissen, wo das Öl herkommt. Sie fragen: Wer besitzt das, was unter unseren FĂŒĂŸen liegt? Wem gehören die SchĂ€tze? Man sieht Drohnenbilder von Bohrinseln, die wie gestrandete Raumschiffe aussehen. Die Aufnahmen sind in Farbe getaucht, verfremdet, mal sind sie pink, dann gelb, dann grĂŒn. Im nĂ€chsten Moment ist man in einer zerstörten Stadt. Um einen herum stehen Ruinen von HĂ€usern. Es erscheint ein Feuer, das aus einer Gasfackel auf einem Ölfeld kommt.

Diese Performance feierte am Donnerstag im Ballhaus Ost Premiere: „The Underground Frontier“. Das StĂŒck ist der zweite Teil von „Empire of Oil“, einem vierteiligen Rechercheprojekt der Costa Compagnie.

Zur Recherche ist Felix Meyer-Christian, der GrĂŒnder dieser interdisziplinĂ€r arbeitenden Gruppe, nach Norwegen und in den Nordirak gereist, hat mit einer 360-Grad-Kamera gefilmt und mit den Menschen vor Ort gesprochen.

Öl und der damit zusammenhĂ€ngende Klimawandel seien die derzeit grĂ¶ĂŸte Herausforderung der Menschheit, sagt der Theatermacher. „Es gibt nichts anderes, was das Leben auf dem Planeten so entscheidend beeinflussen wird, wie die VerĂ€nderungen, die jetzt ausgelöst werden und die bald immer stĂ€rker werden.“

Es sind beeindruckende Bilder, die einen mit „The Underground Frontier“ im Ballhaus Ost umschließen: Aufnahmen aus der Luft ĂŒber arktischen GewĂ€ssern oder mitten zwischen Menschen auf einer Straße in Mossul. Dazu ertönen lang anhaltende, dunkle KlĂ€nge, die einen noch stĂ€rker in die Umgebung hineinziehen. Manchmal wirkt dieses immersive BĂŒhnengeschehen bedrohlich, dann wieder mystisch, gar magisch.

Die Trennung zwischen BĂŒhne und Publikum ist komplett aufgelöst. Die drei PerformerInnen gehen zwischen den sitzenden ZuschauerInnen umher, wĂ€hrend sie ihren Vortrag auf Deutsch und Englisch halten. Ihr Auftritt hat etwas Komisches an sich, weil er so gewollt eingeprobt wirkt: der auswendig gelernte Text, die einstudierte Dramatik, das höfliche LĂ€cheln, wie das Mikrofon nach einer kleinen Tanzeinlage wie zufĂ€llig am richtigen Ort liegt.

Dazwischen folgen abstrakte und langwierige Gedankenströme aus dem Off in indirekter Rede, denen man nicht immer folgen kann. Die Passagen verdeutlichen aber auch die KomplexitĂ€t der ZusammenhĂ€nge. „Das Thema ist so unglaublich ungreifbar“, sagt Meyer-Christian. Unsere GleichgĂŒltigkeit gegenĂŒber dem Klimawandel beruhe darauf, dass wir nicht sehen, wo das Öl herkommt und wo es hinfĂŒhrt.

Mit konkreten Szenarien und Menschen will er das Thema in seiner Performance sichtbar machen. Die Rundumaufnahmen ermöglichen eine grĂ¶ĂŸere Autonomie des Blicks. Man kann sich umschauen, die Distanz wird verringert.

Nach einem 360-Grad-Video-Essay (das vergangenen November Premiere im Ballhaus Ost hatte) und diesem zweiten, textbasierten Teil des Rechercheprojekts sollen im Mai noch eine Tanzperformance, die sich dem Thema auf rein körperlicher Ebene widmet, und ein dann online gestellter Virtual-Reality-Film folgen. So werden die Filmaufnahmen sowie die dokumentierten Performances fĂŒr Menschen auf der ganzen Welt erlebbar.

Norwegen und Nordirak sind zwei Regionen mit großen Ölressourcen – der einen hat es Wohlstand und sozialstaatlichen Frieden beschert, der anderen Krieg und Flucht. In Mossul und Kirkuk war Meyer-Christian im September 2017 zur Zeit des kurdischen Referendums, das stark mit der Hoffnung auf Gewinne aus dem ÖlgeschĂ€ft verbunden war.

Vor Ort interviewte er Ölbohrer, Manager, Politiker, Journalisten und Greenpeace-Aktivisten. Die InterviewpartnerInnen erscheinen in der Performance groß auf dem Vorhang und schauen einen stumm an, wĂ€hrend die PerformerInnen sie in indirekter Rede zitieren.

Die Aussagen werden als Song von einem Performer wiederholt. Er spielt Keyboard und singt durch ein Mikro, das seine Stimme elektronisch verzerrt: „They are looking at you / killer whales, killer whales / what is this?“ und „You can like or dislike oil and gas / you become a prostitute / you do what you do for the money.“

Norwegen ist der nach Russland wichtigste Öl- und Gaslieferant Deutschlands. FĂŒr Meyer-Christian ist das skandinavische Land der Inbegriff der westlichen, heuchlerischen Lebensweise. Selbst setzt das Land stark auf erneuerbare Energien, macht jedoch viel Profit, indem es Öl ins Ausland verkauft.

Wie stark unser Konsumverhalten mit dem Klimawandel zusammenhĂ€nge, sei ihm vor der Recherche nicht bewusst gewesen. Es gibt nicht den einen Verantwortlichen, sagt Meyer-Christian. „Wir sind alle Verursacher und zukĂŒnftige Betroffene gleichzeitig.“

Am Ende der Performance sollen sich alle mit geschlossenen Augen auf den Boden legen. Es ist ein Experiment, so die drei Vortragenden. Sie schicken einen auf eine emotionale Gedankenreise. Zusammen mit einer einem nahestehenden Person soll man sich auf die Flucht begeben. Und alles steht unter Wasser.

Produktion: EMPIRE OF OIL / Part 1: A Research in 360°

ZITTY, 22. November 2017

Fluch und Segen

Die interdisziplinĂ€r arbeitende Costa Compagnie erforscht in „Empire of Oil“ im Ballhaus Ost auf innovative Weise, wie Gesellschaften durchs Öl vergiftet werden – und wie man das zumindest dosieren könnte

Meer und WĂŒste sind nicht nur weite FlĂ€chen, auf denen Menschen sich eher ungern aufhalten. In manchem Meeresboden, unter manchem WĂŒstensand steckt auch das schwarze Gold – ein Fluch und Segen zugleich.

An die ölreiche KĂŒste vor Norwegen und auf den ebenso ölreichen Sand des Nord­iraks hat sich die Costa Compagnie begeben, um vor Ort zu untersuchen, wie der Rohstoff die dortige Bevölkerung prĂ€gt. Sie befragte Ölbohrer und Manager aus Skandinavien, war im BĂŒro von kurdischen Politikern, deren UnabhĂ€ngigkeitsbestrebungen eng mit den erhofften Gewinnen aus dem ÖlgeschĂ€ft verbunden sind. Diese und andere Interviews sind nun Teil der immersiven Performance „Empire of Oil – A Research in 360°“.

Auch eine Dichterin und ein kritischer Journalist aus dem Nordirak wurden interviewt und die mittlerweile zur Heldin aufgestiegene Greenpeace-Aktivistin Sini Saarela – sie gehörte zu den von Russland eine Zeitlang eingesperrten „Arctic 30“. Die Aussagen der etwa zwei Dutzend Personen werden eingebettet in opulente 360-Grad-Filme, die in einem Rundhorizont im Ballhaus Ost zu sehen sind. Die Filme, teils Drohnenaufnahmen, teils statisch aufgenommen, zeigen BohrtĂŒrme in arktischen GewĂ€ssern und im vom Krieg zerstörten Nordirak.

Eine SchlĂŒsselfigur ist dabei der irakische Geologe Farouk Al Kasim. Er kam in den 1960er-Jahren nach Norwegen, auf der Suche nach medizinischer Betreuung fĂŒr seinen kranken Sohn. Damals begann Norwegen, seine Ölfelder zu erschließen. Al Kasim warnte vor den Fehlern seiner Heimat: Die irakische Elite hatte im Rausch des schnellen Geldes Konzessionen an britische und US-amerikanische Firmen regelrecht verschleudert und steckte die Gewinne, die nicht außer Landes gingen, meist in die eigene Tasche. Norwegens Öl-Staatsfonds, der dem gesamten Land beachtlichen Wohlstand beschert, ist auch Al Kasims Warnungen zu verdanken.

Allerdings stieß Felix Meyer-Chris­tian, Filmemacher und Regisseur der Costa Compagnie, auch im Beispielland Norwegen auf manche Wand des Schweigens; vor allem dann, wenn er nach den globalen Folgen des hĂŒbschen ÖlgeschĂ€fts der Skandinavier fragte: Klimawandel, UmweltschĂ€den und -zerstörung. „Empire of Oil“ fragt daher auch, warum viele Industrien noch immer auf Öl basieren, und wer daran verdient, obwohl technologisch ein Energiewandel lĂ€ngst möglich wĂ€re.

Zwei Performer interagieren zum Filmgeschehen live mit dem Publikum, das Projekt ist aber auf mehrere Teile angelegt. In weiteren Phasen will die Costa Compagnie im nÀchsten Jahr die 360-Grad-Filminstallation um eine textbasierte Performance (Premiere 1. Feburar) und spÀter um eine Tanzperformance (Premiere 23. Mai) erweitern.

Das alles soll ebenfalls mit einer 360-Grad-Kamera dokumentiert werden und aus dem gesamten Material schließlich eine voll-immersive Virtual Reality-Umgebung entstehen. „Wir wollen herausfinden, was die VR-Technologie fĂŒr das Theater bedeuten kann“, meint Meyer-Christian. Am 23. November fĂ€llt im Ballhaus Ost der Startschuss fĂŒr das Technologie-Experiment im Dokumentartheater-Kontext. 

Produktion: FASCION & CONVERSION / NACH AFGHANISTAN

BLOG – Performing Arts Festival

„Kunst kann nie Realpolitik sein“

Felix Meyer-Christian macht mit seiner costa compagnie Recherchetheater. Am Mittwoch lĂ€uft „CONVERSION / Nach Afghanistan“ zum letzten Mal im Ballhaus Ost. Ein PortrĂ€t.

Von Talea Scholz

Berlin 12. Juni 2017

Der Körper des TĂ€nzers hebt sich immer wieder in die Luft, fĂ€llt klatschend zu Boden, reißt sich wieder hoch, fĂ€llt erneut. Wie ein Fisch, der sich an Land orientierungslos umherwirft, immer im Kreis. Auf die hintere BĂŒhnenwand ist die afghanische WĂŒste projiziert. Bunte Luftballons liegen herum und geben der beklemmenden AtmosphĂ€re einen abstrakten Ton. Bis auf das Aufschlagen des Körpers ist nichts zu hören.

Ein verwirrendes und bedrĂŒckendes Bild aus dem StĂŒck „CONVERSION / Nach Afghanistan“. Nach einer langen Tour durch Deutschland und die USA wird es am Mittwoch im Ballhaus Ost das letzte Mal gezeigt. Geschaffen hat es Felix Meyer-Christian mit KĂŒnstlerInnen der costa compagnie. Mit Teilen seiner Gruppe reiste er dreieinhalb Wochen durch Afghanistan, um das Material dafĂŒr zu sammeln. Sie haben mit Afghaninnen und Afghanen gesprochen, SoldatInnen, DiplomatInnen, WissenschaftlerInnen befragt. Auf der BĂŒhne entsteht daraus eine Mischung aus Tanz, Performance und Sprechtheater. Eine Ansammlung von Ă€sthetischen und politischen Perspektiven. Wie durch ein Kaleidoskop wird die Situation zerlegt, gespiegelt, umgeworfen.

UrsprĂŒnglich wollte Meyer-Christian zur Entwicklungszusammenarbeit. Katastrophenvorsorge. Er studierte Geographie und Völkerrecht in Berlin. Geographie war schon immer sein Ding. Er hat viele Auslandspraktika gemacht, interessiert sich fĂŒr die globalen ZusammenhĂ€nge, ist kritisch, engagiert. Theater war da zunĂ€chst nur eine private Leidenschaft: Meyer-Christian spielte neben dem Studium und hospitierte an der SchaubĂŒhne.
Nach dem Studium steht er vor der Entscheidung: Soll er eine vielversprechende Stelle in Guatemala annehmen oder das Regiestudium in Hamburg? Zusagen hat er fĂŒr beides. Entschieden hat er sich fĂŒr Hamburg, fĂŒr die Kunst und gegen die Realpolitik: „Kunst wird nie Realpolitik sein“. Wer konkret die Politik mitbestimmen will, meint Meyer-Christian, der muss schon selbst in die Politik gehen oder parallel zur kĂŒnstlerischen Praxis AktivistIn werden. Die Kunst habe andere Möglichkeiten Einfluss zu nehmen, aber „die meisten politischen Entwicklungen entscheiden sich innerhalb unserer Kontexte nicht im Theatersaal“

Trotzdem ist er KĂŒnstler geworden. Wieso? Die Kunst setzt woanders an. Er möchte die großen Prozesse beschreiben, das kleine Guckloch unserer Wahrnhmung aufreißen und das Bild so komplex wie möglich machen. Denn das ist die große StĂ€rke der Kunst, Ă€sthetische Formen finden, um Blickwinkel zu erweitern, Wahrheiten Raum geben, um die Gesellschaft in ihrem eigenen SelbstverstĂ€ndnis zu stören. Das hat die Kunst der Politik voraus.
Noch wĂ€hrend des Studiums grĂŒndet Meyer-Christian die costa compagnie, um gemeinsam mit KĂŒnstlerInnen verschiedenster Bereiche zusammenzuarbeiten: Tanz, Installation, Bildende Kunst, Sprechtheater. Er will einen möglichst vielseitigen Blick aus allen Richtungen auf das Material werfen. An fast jedem Projekt arbeiten neben dem festen Kern der costa compagnie deshalb auch externe KĂŒnstlerInnen mit. Bloß nicht in bekannten Konstellationen einrosten. Dynamisch bleiben. Immer neue ZugĂ€nge zu Material und Ästhetik finden.
So entstehen Arbeiten, die immer dicht an der peniblen Recherche bleiben. Die costa compagnie abstrahiert ein Problem nicht. Keine AllgemeinplĂ€tze. Keine Allzwecklösungen. Stattdessen bekommen gesellschaftliche Situationen und die Menschen darin eine BĂŒhne.

So wie in „CONVERSION / Nach Afghanistan“. Der Abend beschĂ€ftigt sich mit dem ISAF-Einsatz internationaler Truppen in Afghanistan. In unzĂ€hligen Interviews sammelt die costa compagnie BruchstĂŒcke einer Gesamtsituation, die in ihrer KomplexitĂ€t unbegreifbar scheint. Es sind Wahrheiten verschiedener Leben, die doch alle miteinander verstrickt sind. Jede Geschichte gibt einen anderen Blick auf das Geschehen frei. Da sind die SoldatInnen, die versichern, ihr Bestes getan zu haben. Die Deutschen, sehr professionell und distanziert, ohne Namen und Abzeichen. Die Amerikaner, viel offener, selbstbewusster und auch kritischer. GlĂŒhende AnhĂ€ngerInnen der Taliban kommen genauso zu Wort wie junge Feministinnen, fĂŒr die ein Abzug der SoldatInnen eine Katastrophe bedeutet.
Ihnen allen gibt die costa compagnie Raum und skizziert die Umrisse einer Lebenswelt, die uns Fremd erscheint und doch berĂŒhrt. Unser westliches Wertesystem kommt an seine Grenzen, zerschellt an der schieren Unbegreiflichkeit der Lage. Wie kann ich eine solche Situation mit meinen Begriffen, meiner Ästhetik und meinen Werten zu begreifen versuchen? Muss ich nicht zwingend scheitern? FĂŒr Meyer-Christian liegt darin der SchlĂŒssel seiner Kunst. Er will den Blick erweitern, ohne ihn einzufĂ€rben.

FĂ€llt es ihm manchmal schwer, die Interviews mit den Beteiligten eines Konfliktes zu ertragen? Sicher. Aber es sei schließlich sein Beruf. Er muss jeder Stimme ihren Raum geben, das ist etwas Anderes, als in einer Kneipe privat ĂŒber Meinungen zu streiten. Privatperson und Theatermacher sind bei Meyer-Christian in Interviewsituationen sauber getrennt: „Wir gehen ja als Gast zu den Leuten hin, um ihre Geschichten zu hören. Da kann man nicht plötzlich vorschnellen und einen Streit vom Zaun brechen.“
Ob er mit einem Interviewpartner ĂŒbereinstimmt oder nicht, ist fĂŒr ihn irrelevant. Er will keine Meinung machen, sondern die KomplexitĂ€t der Lage ĂŒbersetzen. Dazu gehört jede Stimme und ein Interviewer, der sich zurĂŒcknehmen kann. Das kann er. Ernst und engagiert erzĂ€hlt er von den Menschen, die er kennengelernt hat, seinen Kollegen, dem Theater und der Politik – nicht von sich. Felix Meyer-Christian ist kein Moralist, sondern jemand, der gemerkt hat, dass moralische Vorstellungen keineswegs allgemeingĂŒltige Weltkonzepte sind. Was hier gilt, gilt nicht zwingend in Afghanistan.

Das nĂ€chste StĂŒck handelt ĂŒbrigens von der zunehmenden Faschistisierung des politischen Klimas. Trump, AfD und Co. Wieder wird die costa compagnie recherchieren, dicht am Material bleiben und gleichzeitig nach einer neuen choreographischen Form suchen. Denn unsere RealitĂ€t ist viel zu komplex, um sie zu verallgemeinern.

Produktion: CONVERSION / NACH AFGHANISTAN

KRONENZEITUNG, 09. April 2016

Vom Umgang mit Krisengebieten

Von Christoph Hartner

Mehrere Wochen hat die COSTA COMPAGNIE aus Hamburg den Einsatz der deutschen Bundeswehr am Hindukusch begleitet und Stimmen und Bilder zu westlichen PrĂ€senz vor Ort gesammelt. In der Performance „Conversion / Nach Afghanistan“ erweitern sie das Krisengebiet in den BĂŒhnenraum.

Die Deutschen sollten die Taliban vernichten, die guten jedoch am Leben lassen. Dieser Wunsch eines Teenagers aus Kabul bringt die KomplexitÀt der politischen Lage am Hindukusch und der westlichen PrÀsenz in der Region auf den Punkt. Wo genau liegt die Grenze zwischen Gut und Böse, NormalitÀt und Ausnahmesituation? Welche Spuren hinterlassen die Truppen nach ihrem Abzug? Welche Spuren hinterlÀsst Afghanistan in den Soldaten?

Zu Fragen wie diesen hat die COSTA COMPAGNIE Stimmen und Bilder in der Region gesammelt und diese zu einer polyphonen Performance verwoben, in der Recherchetheater und Tanz ebenso zum Einsatz kommen wie Soundscapes und Video-Tableaus. Symbolisch holt die Gruppe Afghanistan in den BĂŒhnenraum: Drohnen schweben ĂŒber den Performern, aufblasbare Stoffbahnen in hoffnungsfrohem Weiß blĂ€hen sich bis in den Zuschauerraum.

Und die Truppe macht zuletzt auch ihre eigene Rolle zum Thema. Können und dĂŒrfen westliche KĂŒnstler fĂŒr die Menschen Afghanistans sprechen, ohne dabei deren Stimmen zu verfĂ€lschen oder in Moral-Kitsch oder in Kunst-Kolonialismus abzugleiten?

Auf fantastische und smarte, wenn auch teilweise ausufernde Weise wird so die Vielstimmigkeit und WidersprĂŒchlichkeit im Umgang mit sogenannten Krisengebieten unmittelbar erfahrbar! Als Gast von UniT noch heute im Grazer Theater am Lend zu erleben.

ORF (Österreichischer Rundfunk), 09.04.2016

http://steiermark.orf.at/tv/stories/2767657/

Theater am Lend zeigt Performance-Doku (Textversion zum TV-Bericht des ORF)

Authentische Stimmen zu Wort kommen lassen und neue Eindrücke und Perspektiven vermitteln – das wollen die Künstler der Costa Compagnie mit ihrer Performance „Conversion / Nach Afghanistan“ am Samstag im Grazer Theater am Lend.

Drei Wochen lang waren Künstler der Costa Compagnie am Hindukusch in Afghanistan, um Bild- und Tonmaterial zum Ende des Hilfseinsatzes der internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe (ISAF) zu sammeln. So wurden Einheimische, Journalisten, Diplomaten sowie Soldaten vor Ort befragt und das Material anschließend in eine künstlerische Aufführung übertragen. Die daraus resultierende Performance wurde am Freitag und Samstag im Theater am Lend vorgestellt.

„Wir versuchen in unserer Arbeit auch die Form der Dokumentation generell in Frage zu stellen. Ich glaube nicht, dass ich als Dokumentarist oder auch als Künstler nach Afghanistan reisen und eine Wahrheit oder die wirkliche Realität porträtieren kann. Was ich aber machen kann, ist dort hinzufahren und mit den Menschen vor Ort in Kontakt treten, mit ihnen sprechen und versuchen, ihre Situation für einen kleinen Moment einzufangen“, erklärt der künstlerische Leiter Felix Meyer-Christian.

Und so verbindet die Costa Compagnie in ihrer Inszenierung aufgezeichnete Interviewsituationen und Klänge aus den Straßen Afghanistans mit Choreografien im Bühnenraum: „Was die Kunst angeht, haben wir die Möglichkeit, zwar nicht die Fragen der Politik beantworten zu können – wir sind keine Aktivisten, die sagen, wie es besser geht oder was getan werden muss – aber den Horizont zu öffnen und Fragen zu finden oder zu suchen, wie sie in der Politik eben nicht gestellt werden können“, so Meyer-Christian. Damit nähert sich „Conversion / Nach Afghanistan“ mit einer tiefgründigen Inszenierung künstlerisch komplexen Lebensrealitäten an und animiert zum Nachdenken.

Leserkritik auf nachtkritik.de vom 22.2.2016


http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=7956:leserkritiken&catid=331:leserkritiken-k&Itemid=100084#comment-56446

„Conversion – Nach Afghanistan“ von Costa Compagnie

Gastspiel am Ballhaus Ost am 30.01.2016

Vom 28. bis 31.01. fand in Berlin die Jahreskonferenz der Dramaturgischen Gesellschaft zum Thema „Was tun. Politisches Handeln jetzt“ statt. Es wurde viel diskutiert ĂŒber die Möglichkeiten von Theater in Zeiten politischer UmbrĂŒche, mit spannenden und langweiligen BeitrĂ€ge und natĂŒrlich sehr viel Netzwerkelei. Kaum zuhause angekommen, schluckte einen der Betrieb und natĂŒrlich die Diskussion um die Auswahl fĂŒr das Theatertreffen

Dabei fiel hinten runter, dass unter all den gelisteten VorschlĂ€gen fĂŒr Theaterbesuche auch eine Produktion war, die eben jener Frage nach Kunst, Politik und Handeln tiefgrĂŒndig, mutig und gleichzeitig erfrischend offen am allerkonkretesten nachging, wie es vorher so noch nicht gesehen wurde: „Conversion – Nach Afghanistan“ am völlig ĂŒberfĂŒllten Ballhaus Ost von der freien Gruppe Costa Compagnie. Ein gut gehĂŒtetes Geheimnis und als Nachwuchsgruppe scheinbar noch unter dem Radar der Theaterscouts, wenn auch prominent ausgestattet ĂŒber den Fonds Doppelpass.
Als Grundlage fĂŒr diese multiperspektivische Kunstanalyse aus dem Kriegsgebiet mit Text, Tanz, Video, Musik und einer Luft-Installation recherchierten Mitglieder der Gruppe in Afghanistan und interviewten zahlreiche Bewohner der StĂ€dte Kabul und Masar Scharif, sowie Soldaten der Bundeswehr und der US-Army in ihren Feldlagern, der brisanten Sicherheitslage zum Trotz. Ein willkommener Vorstoß auf dem Theater, denn oft findet keine Diskussion darĂŒber statt, dass die Deutschland jahrelang im Krieg in Afghanistan beteiligt war und nun nach dem Ende der Mission nicht nur die Soldaten zurĂŒck kommen, sondern vor allem auch diejenigen, fĂŒr welche die Intervention eigentlich ein besseres Zuhause schaffen sollte. Was ist also geschehen und wie sehen das die Afghanen selbst?
Jetzt alles zu berichten, was die costa compagnie an diesem gewaltigen, facettenreichen und bewegenden Abend innerhalb der zwei Stunden leistet ist bei 4000 Zeichen unmöglich. Im Schnelldurchlauf:
ZunĂ€chst eine leere BĂŒhne, im Video die Berge Afghanistans, vier TĂ€nzer in energetischen Bewegungen, andere Spieler erscheinen, deutsche und englische Texten der Befragten (Berlin typisch nicht untertitelt), musikalisch alles von Musikerin Katharina Kellermann elektronisch live begleitet, Klang-AtmosphĂ€ren, Beats, Stimmen, Flugzeugmotoren und FlĂ€chen. Man verbringt gebannt die erste Stunde mit Biographien, Frauenrechten, AnschlĂ€gen, Entwicklungszusammenarbeit und natĂŒrlich den Taliban. Das pointierte Arrangement der Texte schafft es, dass die Themen nebeneinander, als auch zum StreitgesprĂ€ch gegenĂŒber gestellt werden, so dass man in ein Horizont erweiterndes Meinungsbild eintauchen kann.
ReprĂ€sentation wird hier medial an das Video ausgelagert, indem zu den prĂ€sentierten Texten riesengroße, schweigend blickende Portraits der Befragten eingeblendet werden (zum Teil auch im Originalton als Teil der BĂŒhnentextsituation). Ein subversives Narrativ einer Begegnung, wie sie nur auf dem Theater stattfinden kann, das auf die im Text gestellten, aktuell brennenden Fragen verweist: Was hat die Intervention im Land (nicht) bewirkt? In welchen Krieg erklĂ€rt sich eine westliche Gesellschaft bereit (wieder) zu ziehen? FĂŒr wen und fĂŒr was? Dazwischen intensive Abschnitte im Tanz mit verdrehten und ruckartigen Körpern, ausufernden Bewegungen, Solo- und Gruppenchoreografien, aus denen sich die TĂ€nzer mĂŒhelos lösen, um den nĂ€chste Befragten vorzustellen (Choreografie Jascha ViehstĂ€dt).
Im Video Landschaften, GebĂ€ude, Panzer, Hubschrauber. Begriffe wie RealitĂ€t, Dokumentation, Wahrheit und Moral werden in einem fortlaufenden Essay-Monolog von Hauke Heumann offen verbalisiert und in Frage gestellt (Text: kĂŒnstl. Leiter Felix Meyer-Christian). Dann wachsen riesige, weiße PlastikschlĂ€uche zu einem dreidimensionalem Chaos, das bis ĂŒber die Zuschauer hinaus ragt auf der BĂŒhne (Annika Marquardt, Lani Tran Duc) und spĂ€ter entfaltet sich im Hintergrund wie ein ĂŒberdimensionaler Hefeteig eine große Stoffblase/Zelt der maximal wĂ€chst und der Fokus verlegt sich auf die Interviews im MilitĂ€rlager. Im zweiten Teil brechen die Ebenen dann virtuos durcheinander. :Ein komisch-groteskes Interview in einer BĂ€ckerei, Slow-Motion-Traum-Sequenz, ein zunĂ€chst unverstĂ€ndlicher afghanischer Witz mit latent grenzdebilem Übersetzungsverlust, Pocahontas-Sexy-Musical-Einlage, der Konflikt zwischen Besatzung und Aufbau, Kultur, Religion und „Terror“.
Am Ende entweicht die Luft und es bleibt nichts außer einem Stoffrest und einem Wimmelbild mit den sprechenden Köpfen dutzender Befragter, in dem unter anderen ein Afghane die Demokratie als solche in Frage stellt oder ein Ex-Soldat die MilitĂ€rintervention zunĂ€chst schĂ€rfstens kritisiert („Können die da oben wirklich gut schlafen?“), um dann im nĂ€chsten Augenblick zu sagen, dass sich diese dennoch nicht in Frage stellen lĂ€sst, woraufhin er trefflich mit dem Wort „Ambivalenz“ lachend endet.
Die Gruppe selbst bleibt dabei nicht neutral und verweist nach einer klaren Benennung der Problematiken im Land und der WidersprĂŒche des Westens in ihrem Abschlusstext auf die UngĂŒltigkeit einer kapitalistischen Kosten-Nutzen-Rechnung im Kriegsgebiet und fordert ganz utopisch „polyphone Prinzipien“ und eine Neuausrichtung des Denkens innerhalb der eigenen Bewertung, um parallel sehr real-politisch ein Ende der Gewalt einzufordern – „mit welchen Mitteln auch immer“. Wer etwas dringliches von der Welt erfahren will und mehr auf Art“ statt auf „Artivism“ setzt, muss diesen Abend gesehen haben.

Fonds Doppelpass // Kulturstiftung des Bundes // Theater und Orchester Heidelberg
Mannheimer Morgen, 11.05.2015
http://www.morgenweb.de/nachrichten/kultur/regionale-kultur/wirkungsmachtiges-kaleidoskop-der-widerspruche-1.2238544

Performance:

Mit der UrauffĂŒhrung „Conversion_2. Nach Afghanistan“ zeigt das Theater Heidelberg einen bemerkenswerten Theaterabend

WirkungsmĂ€chtiges Kaleidoskop der WidersprĂŒche

Von Martin Vögele

„Das Herausfordernde an einem Ort wie Afghanistan sei es, dass die schiere FĂŒlle komplexer WidersprĂŒchlichkeit und sich moralisch ausschließender Situationen so ĂŒberwĂ€ltigend sei, dass einem gar nichts anderes ĂŒbrig bleibe, als alles bisher Gedachte ĂŒber den Haufen zu werfen und eine neues Feld zu eröffnen“, gibt Schauspieler Hauke Heumann das Schreiben einer ungenannten Verfasserin wieder. Auf die Spuren dieser WidersprĂŒche, Hoffnungen, Erfahrungen und Ängste von Bevölkerung und Interims-Bewohnern begibt sich die freie Hamburger KĂŒnstlergruppe Costa Compagnie in „Conversion_2. Nach Afghanistan“ – eine im Rahmen des Projekts „Conversion. Eine deutsch-amerikanische Choreographie“ in Zusammenarbeit mit dem Heidelberger Theater entstandene Tanz-Performance, die im Theater Heidelberg uraufgefĂŒhrt wird.

Kurz bevor im Dezember 2014 der internationale MilitĂ€reinsatz in Afghanistan endete, waren der KĂŒnstlerische Leiter Felix Meyer-Christian, Choreograph Jascha ViehstĂ€dt und Stefan Haehnel (Kamera) zu einer Recherchereise aufgebrochen: In Kabul und Mazar-e-Sharif sprachen sie mit ĂŒber 30 Afghanen, Bundeswehr- und US-Soldaten, sammelten Ton- und Bildaufnahmen.

Dokumentarische und essayistische Texte, Video-Tableaus, Tanz und Soundkompositionen verdichten sich bei „Conversion_2“ nun zu einer theatralen Reflexion dieser Reise. Meist werden die vielstimmigen Texte von den Performern (Heumann, Hans Fleischmann, Florian Nania, Nanette Waidmann) deklamiert, teils in den original Aufnahmen eingespielt.

Kein bequemer Weg

Vielgestaltig ist auch die Tanzsprache: Frank Koenen, Akemi Nagao, Jascha ViehstĂ€dt und Maria Walser changieren zwischen impulsiven Kraftakten, Niedergeworfenheit, rhythmisch-eruptivem Chaos und nach Einklang strebender SynchronizitĂ€t. Einer der stĂ€rksten Momente ist zugleich der verstörendste: Die TĂ€nzer zeigen eine Boygroup-Choreographie, wĂ€hrend der Kinderchor des Theaters (der zuvor auch an einer begleitenden Performance-Installation mitgewirkt hat, die in und vor dem Haus prĂ€sentiert wurde) mit den Darstellern den fĂŒr den Disney-Film „Pocahontas“ geschriebenen Song „Colors Of The Wind“ singt.

„Conversion_2“ wĂ€hlt keinen bequemen Weg – auch nicht fĂŒr den Zuschauer, der sich mit einer Flut von Positionen und BildeindrĂŒcken konfrontiert sieht (am Ende von Teil I ĂŒberwuchert etwa ein riesiger, aufgeblasener Plastikschlauch die komplette BĂŒhne); die Costa Compagnie versucht nicht, als WelterklĂ€rer aufzutreten. Sie dokumentiert mit kĂŒnstlerischen Mitteln wirkungsmĂ€chtig das Kaleidoskop einer heterogenen afghanischen Gegenwart auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft. Eine bemerkenswerte Leistung. 

Rhein-Neckar-Zeitung Heidelberg, 11.05.2015
http://www.rnz.de/kultur-tipps/kultur-regional_artikel,-Conversion_2-im-Heidelberger-Theater-Afghanistan-quo-vadis-_arid,96878.html

„Conversion_2“ im Heidelberger Theater:

Afghanistan, quo vadis?

Tanz-Performance zur Problematik eines geschundenen Landes
Von Arndt Krödel

„Nichts ist gut in Afghanistan.“ 2010 löste dieser mutige Satz Margot KĂ€ĂŸmanns, der damaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, in Teilen der Öffentlichkeit harsche Kritik aus. Was die Aussage vielleicht auch bewirkte, war, Dinge zu hinterfragen, um aus gewohnten Mustern herauszukommen. Eben das versucht eine gemeinsame Produktion der „costa compagnie“ aus Hamburg und des Heidelberger Theaters, die unter dem Titel „Conversion_2. Nach Afghanistan“ ihre UrauffĂŒhrung im Marguerre-Saal erlebte. Die Tanz-Performance ist das zweite Produkt der Kooperation beider Ensembles, die bereits 2014 das StĂŒck „Conversion_1“ herausbrachten, das sich mit dem Abzug der US-Soldaten aus Heidelberg befasste.

Noch bevor der internationale MilitĂ€reinsatz in Afghanistan im Dezember 2014 – nach genau 13 Jahren – endete, reisten drei KĂŒnstler der costa compagnie an den Hindukusch. Sie machten Interviews mit Einheimischen, aber auch mit Soldaten und fragten nach deren Erfahrungen und GefĂŒhlen in Vergangenheit und Gegenwart. Eine Gegenwart, die sich darauf besinnen muss, dass ihre Koordinaten sich verĂ€ndern und niemand weiß, wie die Sache ausgeht. Mit der Absicht, neue Formen des dokumentarischen und choreografischen Arbeitens zu erschließen, entstand aus dem mitgebrachten Material eine Tanz-Performance als subjektiv wahrgenommene Momentaufnahme Afghanistans.

Eine Dokumentation im engeren Sinne will und kann das StĂŒck, fĂŒr dessen Text und kĂŒnstlerische Leitung Felix Meyer-Christian verantwortlich zeichnet, daher nicht sein. Die sich als „interdisziplinĂ€r“ verstehende Performance arbeitet mit den Mitteln des zeitgenössischer Tanzes (Choreographie: Jascha ViehstĂ€dt), der Videoprojektion auf verschiedene FlĂ€chen und bietet einen teilweise stark ĂŒberhöhten Sound aus GerĂ€uschen des Alltags und militĂ€rischer AktivitĂ€ten sowie Musik. Auch der Alte Saal und das Foyer werden mit Installationen und dem Auftritt des Kinderchors einbezogen, der „Im FrĂŒhtau zu Berge“ intoniert.

Auf der BĂŒhne nehmen Schauspieler die Rollen der interviewten Menschen ein, prĂ€sentieren sich als Boten aus einer anderen Welt, die sich als vielgestaltig und gegensĂ€tzlich, hĂ€ufig als diffus darstellt. Kritiker(innen) des herkömmlichen Frauenbilds in Afghanistan kommen ebenso zu Wort wie BefĂŒrworter der Taliban und der Scharia, Soldaten der Isaf-Truppen ebenso wie Zivilisten. In leidenschaftlichen Tanzsequenzen ahnt man traumatische Erlebnisse, wenn die Akteure in verzweifelten Bewegungen wie gegen eine unsichtbare Wand zu laufen scheinen.

Etwas erschlagen entlĂ€sst einen diese Inszenierung, bei der im dichten KnĂ€uel der atemlos einander abwechselnden Szenen und Fragmente die Orientierung bisweilen verloren geht. Dennoch: Überdeutlich und eindrucksvoll artikuliert sich am Ende die sorgenvolle Frage: Afghanistan, quo vadis? Es gelingen packende Bilder und eindringliche Momente, vor allem im Tanz, fĂŒr die dem Hamburg-Heidelberger Ensemble Lob gebĂŒhrt. Das Publikum zeigte sich mit langem, herzlichem Beifall sehr angetan. 

Produktion: CONVERSION_1

Fonds Doppelpass // Kulturstiftung des Bundes // Theater und Orchester Heidelberg

Rhein-Neckar-Zeitung Heidelberg, 11.07.2014

http://www.rnz.de/kulturregional/00_20140711060000_110714164-Conversion-1-Eine-Aera-ist-beendet-das-Theater.html

Conversion_1: Eine Ära ist beendet, das Theater beginnt

Die Costa Compagnie feierte Premiere im ehemaligen US-Hospital in Heidelberg-Rohrbach.

Von Ingeborg Salomon

Erhellende Geschichtsbetrachtung an ungewöhnlichem Ort: Die Costa Compagnie erforscht die deutsch-amerikanischen Beziehungen in der Turnhalle des ehemaligen US-Hospitals in Heidelberg-Rohrbach.

Turnhallen haben nicht gerade das beste Image: staubig, muffig und oft an ungeliebte LeibesĂŒbungen erinnernd. Die Turnhalle des ehemaligen US-Hospitals in Heidelberg-Rohrbach macht da keine Ausnahme. Doch Theater-Macher erobern gerne auch ungewöhnliche Orte, deshalb wird die Turnhalle jetzt bei CONVERSION_1 zur BĂŒhne. Die rund 200 Premierenbesucher sahen sich am Mittwochabend zunĂ€chst etwas ratlos an: StĂŒhle gab es keine und Stehen kann mĂŒhsam werden. Doch Abhilfe nahte in Form von (mehr oder weniger) stabilen Papphockern, die, per Rollcontainer angekarrt, zudem den Vorteil hatten, mit den Zuschauern durch die Halle zu wandern. Denn einfach sitzen und gucken war gestern, heute wird performed, und dabei sind neben den Besuchern auch die Gedanken stĂ€ndig in Bewegung, getreu dem antiken Heraklit-Wort: „Alles fließt“.

Bei „Conversion_1“ setzt die Costa Compagnie ganz auf Verschmelzung. Das große Thema ist eine historische Spurensuche: Wie haben die Amerikaner und die Heidelberger sich gegenseitig erlebt? Welche Erinnerungen sind geblieben? Text, Bild, Musik und Tanz ĂŒberlappen sich, ebenso wie die Sprachen Deutsch und Englisch. Das bedeutet fĂŒr den Zuschauer, dass er seine Aufmerksamkeit irgendwie bĂŒndeln muss, zumal verschiedene Videos auf mehreren mobilen ProjektionsflĂ€chen zeitgleich ablaufen.

Gedreht wurde in Heidelberg und auf einer Recherchereise in die USA, das Endergebnis – eine „Chogeographie“ – schreitet geographische und zeitliche RĂ€ume ab, immer auf der Suche nach der erlebten Erinnerung, die fĂŒr den Einzelnen die Wirklichkeit darstellt. Doch wie wirklich ist diese Wirklichkeit angesichts historischer Fakten? Obamas kerniges „Yes, we can“ wird da ebenso hinterfragt wie die amerikanische und deutsche MilitĂ€rprĂ€senz in Afghanistan, die gerade endet. Kann man aus der Vergangenheit ĂŒberhaupt Erkenntnisse fĂŒr die Zukunft ziehen? Oder wiederholt sich Geschichte ohnehin nie? Die Costa Compagnie aus Hamburg stellt diese Fragen sehr deutlich und zeigt in vielen Sequenzen, dass es „die“ historische Wirklichkeit, geschweige denn eine dokumentierte Wahrheit, nicht gibt.

Beispielsweise habe Condoleeza Rice erwartet, dass die Menschen im Irak die amerikanischen Soldaten als Befreier empfangen wĂŒrden, wie die Deutschen es 1945 getan hatten. Sie hat sich schwer geirrt, wie wir heute wissen.

Der KĂŒnstlerische Leiter Felix Meyer-Christian setzt die Mitglieder der Costa Compagnie eindrucksvoll in Szene, besonders die Tanz-Szenen zeugen von großer ProfessionalitĂ€t. Die meisten Zuschauer ließen sich auf die Regie-Anweisungen der Gruppe ein: Sie legten sich brav auf den ziemlich kalten Hallenboden, um amerikanische Landschaftsbilder an der Decke zu betrachten, und sie begaben sich widerspruchslos in einen aus weißen VorhĂ€ngen installierten Kubus. Abu-Ghuraib lĂ€sst grĂŒĂŸen? Oder doch nicht? Nach 110 kurzweiligen Minuten spendeten die Besucher herzlichen Applaus. 2015 folgt „Conversion_2“. 

Ruprecht, Feuilleton, Heidelberger Studentenzeitung
http://www.ruprecht.de/?p=5597

Konversion mal anders

Im vergangenen Jahr zogen die US-Truppen endgĂŒltig aus Heidelberg ab. Nun setzt sich das Stadttheater in einem Langzeitprojekt mit dieser Vergangenheit auseinander.

26. Juli 2014
Von Michael Graupner

Aus den Kopfhörern ertönt ein dröhnender Bass. Langsam nimmt er den Rhythmus eines Pulsschlags an. Ein Triangelschlag erklingt. Plötzlich herrscht Stille. „Heidelberg is a beautiful place. I miss it sometimes somehow,” sagt eine Ă€ltere mĂ€nnliche Stimme. Der Triangelschlag erklingt erneut, der Bass setzt wieder ein. Ein krĂ€ftiger Windstoß wiegt die hochwachsenden StrĂ€ucher und BĂ€ume gegen das verlassene KrankenhausgebĂ€ude. Es riecht nach Löwenzahn.

Die AtmosphĂ€re ist eine ganz besondere wĂ€hrend des Audiowalks „Bilder aus Morgen“ auf dem ehemaligen GelĂ€nde des US-Hospitals in Rohrbach. Er ist Teil eines großen Projektes des Theaters Heidelberg: WĂ€hrend die stĂ€dtebauliche Umwandlung der ehemaligen KasernengelĂ€nde in vollem Gange ist, blickt das Stadttheater zurĂŒck auf die fast 70 Jahre dauernde PrĂ€senz der US-StreitkrĂ€fte.

Zusammen mit der Costa Compagnie, einer Hamburger KĂŒnstlergruppe, hat man das Projekt „Conversion – Eine deutsch-amerikanische Cho-Geographie“ initiiert. Die auf zwei Jahre ausgerichtete Kooperation, die erst durch eine Förderung der Kulturstiftung des Bundes ermöglicht wurde, will mit TanzauffĂŒhrungen und Installationen die PrĂ€senz des US-MilitĂ€rs in Heidelberg aufarbeiten. Als Basis dienen Interviews, die von Mitgliedern der Costa Compagnie in Heidelberg, den USA und in Afghanistan durchgefĂŒhrt wurden.

„Die zentrale Frage des Conversion-Projekts ist: Wie soll man erinnerungskulturell mit diesem historischen Umbruch umgehen?“ sagt Katharina Kellermann, die den Audiowalk konzipiert hat. Ihr war es wichtig, nicht nur die Heidelberger zu fragen, welche Erinnerungen sie an diese Zeit haben. Dieses Mal standen die Amerikaner im Vordergrund. Fast alle haben fĂŒr einen gewisse Zeit auf den MilitĂ€rflĂ€chen gelebt.

Zu Beginn der Audiotour erhĂ€lt man einen MP3-Player, Kopfhörer und eine Karte, auf der die Route gekennzeichnet ist. DrĂŒckt man auf „Play“, ertönt der Pulsschlag. Amerikaner berichten ĂŒber die Kirche, die man als erstes passiert, die Turnhalle, in der sie spielten. Dann gelangt man zum Krankenhaus. Die Sirene eines Krankenwagens erklingt. Doch auch eigene Wege sind möglich: WĂ€hrend ĂŒber die Kopfhörer Protestsongs gegen den Vietnamkrieg laufen, kann man in die teilweise leer stehenden Kellergewölbe einzelner Baracken klettern.

So gelingt der Audiowalk vor allem deshalb, weil er eine perfekte Symbiose aus dem leerstehenden GelĂ€nde, den einzelnen Stationen und der durch die Natur hervorgerufenen AtmosphĂ€re entwickelt. Nach zwanzig Minuten steht man vor einer freien Wiese, Lautsprecherboxen ragen aus dem Gras. Der Blick wendet sich nun nicht mehr zurĂŒck, sondern nach vorn: Soll es ein Denkmal geben, um an die amerikanische PrĂ€senz zu erinnern? Die Antworten fallen unterschiedlich aus.

Die Denkmaldebatte spielt aber beim Conversion-Projekt nur am Rande eine Rolle. Zumindest die um ein festes, statisches. „Erinnerung sollte viel mehr als ein Moment der Teilhabe betrachtet werden. Und das Theater eignet sich da besonders gut. Erst durch das Zusammentreffen kann Erinnerung entstehen. Sie wird so zum Ereignis,“ sagt Felix Meyer-Christian, GrĂŒnder der costa compagnie, wĂ€hrend einer Podiumsdiskussion im Theater Heidelberg.

An diesem Abend geht es vor allem darum, das Conversion-Projekt auch wissenschaftlich zu rechtfertigen. So sitzen neben Meyer-Christian und Kellermann auch drei Historiker auf dem Podium. DĂŒrfen TheaterkĂŒnstler Geschichte schreiben? Eine Frage, die die anwesenden Historiker bejahen. „Die Geschichtswissenschaft sollte eine gewisse Offenheit gegenĂŒber anderen Darbietungsformen zeigen,“ sagt Martin Klimke, Geschichtsprofessor an der New York University in Abu Dhabi. „Gerade das Conversion-Projekt mit seinen ZeitzeugengesprĂ€chen bietet da eine ganz hervorragende Plattform.“ Felix Meyer-Christian war selbst mit in den USA und hat die GesprĂ€che gefĂŒhrt. FĂŒr ihn haben sich an vielen Stellen Parallelen in der Arbeit des Historikers und des TheaterkĂŒnstlers ergeben: „Bei der Auswertung der Interviews mussten wir uns von diesen Distanzieren und wurden dann aber gleichzeitig bei der Auswahl der Abschnitte wieder zu Akteuren. So stellten wir uns die Frage: Welche ErzĂ€hlung entwirft man von Zeitgeschichte?“ Der Großteil der Interviews wurde dann nicht nur fĂŒr den Audiowalk verwendet, sondern vor allem fĂŒr die Tanzperformance „Conversion_1“, die dieser Tage in der Turnhalle des ehemaligen US-Hospital-GelĂ€ndes aufgefĂŒhrt wurde.

Beim Betreten der Halle herrscht zunĂ€chst Verwunderung: Bis auf ein paar Projektoren und LeinwĂ€nde ist sie fast komplett leer. Wo sind die StĂŒhle, wo ist die BĂŒhne? Zumindest kleine Hocker werden auf einem Wagen angefahren. Als nach ein paar Minuten die ersten Zuschauer unruhig hin und her rutschen, erfolgt die erste Aufforderung, sich diagonal zur Turnhallenmarkierung zu platzieren. Es wird nicht die letzte Anweisung an diesem Abend sein. Die AuffĂŒhrung bietet insgesamt eine atemberaubende Mischung aus Tanz, Musik und Video. Die gefĂŒhrten Interviews werden vorgelesen, auf LeinwĂ€nden gezeigt und tĂ€nzerisch umgesetzt. Der Fokus richtet sich dabei nicht mehr so sehr auf die Anwesenheit der Amerikaner in Heidelberg. Im Laufe des Abends wird auch immer wieder die amerikanische MilitĂ€rprĂ€senz in Afghanistan und im Irak thematisiert.

Ist es dieser Aspekt, der einige Heidelberger nach etwa einer Stunde zum Verlassen der Halle treibt? Oder wohl doch eher die Anweisung, sich auf den Hallenboden zu legen? Nach kurzem Zögern folgen die meisten aber doch. Auf die untere Seite des Hallendachs werden Bilder einer kleinen Drohne projiziert, welche die KĂŒnstler in den USA und in Heidelberg aufgenommen haben. Am Ende steht man mitten in der Halle und ist umgeben von vier quadratisch von der Decke herunterhĂ€ngenden weißen VorhĂ€ngen. Das Licht geht aus und dem Zuschauer bleibt nichts anderes ĂŒbrig, als zu applaudieren.

Der Costa Compagnie und dem Theater ist es gelungen, die Heidelberger Geschichte der US-StreitkrĂ€fte der Öffentlichkeit wieder ins GedĂ€chtnis zu bringen. Fortsetzung folgt: Im Oktober gibt es eine Wiederaufnahme des StĂŒcks und des Audiowalks, im nĂ€chsten Jahr folgt „Conversion_2“. Dann geht es um Afghanistan. 

Rhein-Neckar-Zeitung
http://www.rnz.de/heidelberg/00_20140616060000_110696358-Konversionsgeschichte-im-Gehen-Passt-gut-auf-d.html#ad-image-1

Konversionsgeschichte im Gehen: „Passt gut auf das GelĂ€nde auf“

Bei einer Audio-Tour ĂŒber das Hospital-GelĂ€nde hörten die Teilnehmer amerikanische Erinnerungen

16.06.2014
Von Steffen Blatt

Das war eine der ungewöhnlichsten Theaterproduktionen der letzten Jahre: Im Auftrag der StĂ€dtischen BĂŒhne konzipierte die Hamburger ‚Costa Compagnie‘ eine Art Hörspiel, das am Freitagabend die Besucher ĂŒber das GelĂ€nde des ehemaligen US-Hospitals in Rohrbach fĂŒhrte

Der Andrang war groß, als das Hospital-GelĂ€nde in Rohrbach-SĂŒd am 15. November 2013 zum ersten Mal seit dem Abzug der US-Armee fĂŒr die Öffentlichkeit zugĂ€nglich war. Damals gab es FĂŒhrungen und Fakten. Am Wochenende konnten sich die Heidelberger dem Areal auf ganz andere Weise nĂ€hern – bei einer Audio-Tour, bei der Menschen erzĂ€hlten, die frĂŒher dort stationiert waren.

Die „Costa Compagnie“, ein KĂŒnstlerkollektiv aus Hamburg, setzt sich im Auftrag des Heidelberger Theaters mit dem Thema Konversion, also der Nachnutzung der ehemaligen US-FlĂ€chen, auseinander. Die Mitglieder sprachen mit ehemals in Heidelberg stationierten Soldaten und ihren Familien, mit hochrangigen MilitĂ€rs, Wissenschaftlern, Polit-Aktivisten, MilitĂ€rgeistlichen, flogen dafĂŒr eigens in die USA. Die Interviewten sprachen ĂŒber ihr Leben wĂ€hrend der US-MilitĂ€rzeit, ĂŒber Begegnungen mit der jeweils anderen Kultur, ĂŒber Skepsis und AnnĂ€herung. Die Rechercheergebnisse fließen in eine große AuffĂŒhrung ein, die unter dem Titel „Conversion_1“ im Juli in der Turnhalle auf dem Hospital-GelĂ€nde Premiere hat. Katharina Kellermann, die Audio-KĂŒnstlerin der „Costa Compagnie“, entwarf zusĂ€tzlich eine Audio-Tour, bei der die Besucher am Wochenende das Areal erkunden konnten. Dabei hörten sie Originaldokumente, Musik und KlĂ€nge – eine Art Hörspiel im Gehen.

Start ist am ehemaligen Checkpoint am Eingang des GelĂ€ndes. Jeder bekommt eine Karte, auf der die Route eingezeichnet ist, einen MP3-Player und einen Kopfhörer. Ein Druck auf „Start“, und es ist ein Pulsschlag zu hören. Dann erzĂ€hlen die Amerikaner, ĂŒber die Kirche gleich am Eingang, in der Katholiken, Protestanten und Juden ihre Gottesdienste feierten. Über die Turnhalle, wo man Gymnastik machte oder die Tochter vom Training abholte. Über das BĂŒro, in dem der Vater arbeitete. Einige wissen alles noch ganz genau, bei anderen sind die Erinnerungen verblasst. Englische und deutsche SĂ€tze der Sprecher verbinden collagenhaft die verschiedenen Statements, Soundeffekte machen sie greifbar: ein startendes Flugzeug, Kirchenglocken, die Sirene eines Krankenwagens, ein Basketball, der auf dem Turnhallenboden geprellt wird. Als es um Proteste der amerikanischen Soldaten gegen den Vietnamkrieg geht, wird der „I-Feel-Like-I’m-Fixin‘-To-Die-Rag“ von Country Joe McDonald eingespielt, ein zynischer Kommentar der Woodstock-Generation, den die GIs auch in Heidelberg hörten.

Und immer wieder der Pulsschlag, der die Tour weiterfĂŒhrt. Schritte auf schmutzigem Asphalt. Sind es die eigenen oder ist es ein Sound? Einen Effekt hatte die „Costa Compagnie“ mit Sicherheit nicht eingeplant: Der Wind, der ĂŒber das Hospital-GelĂ€nde streift, zieht an den Kopfhörern vorbei und erzeugt dieses typische Rauschen, das im Western Einsamkeit symbolisiert – Ă€ußerst passend zu dem verlassenen US-Army-StĂŒtzpunkt.

Die Statements werden politischer: Einer erzĂ€hlt vom Wandel der Amerikaner von Besatzern zu BeschĂŒtzern, vom US-MilitĂ€r in Deutschland als Außenposten gegen den Ostblock. „Und ab 1990 blieb das US-MilitĂ€r hier, weil es nĂ€her zum Mittleren Osten ist.“ So einfach kann es manchmal sein.

Nach knapp 21 Minuten ist Stille im Kopfhörer, die Teilnehmer stehen vor einer großen Wiese und schauen auf vier Lautsprecherboxen, die im hohen Gras stehen. Jetzt geht es um die Frage nach einem Denkmal, das die amerikanische PrĂ€senz in Heidelberg fassen könnte. Wie soll es aussehen, wo auf dem GelĂ€nde könnte es stehen? Die Antworten sind differenziert. Ein Denkmal soll zum Nachdenken anregen, dazu, sich mit Geschichte und unterschiedlichen Kulturen zu beschĂ€ftigen. „Nur das kann zukĂŒnftige Zerstörungen verhindern“, meint einer. Ein anderer findet, dass es genĂŒgen wĂŒrde, ein, zwei GebĂ€ude zu erhalten. Und zum Schluss hat ein GesprĂ€chspartner noch einen Auftrag fĂŒr die Heidelberger: „Passt gut auf das GelĂ€nde auf. Denn ich will eines Tages zurĂŒckkommen und selbst noch einmal drĂŒberlaufen.“ 

Produktion: DIE GROSSE ZOOLOGISCHE PANDEMIE

Staatstheater Mainz

NACHTKRITIK
http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=9421:die-grosse-zoologische-pandemie&catid=38:die-nachtkritik&Itemid=40#Kritik

Die große zoologische Pandemie – Die grelle UrauffĂŒhrung des EinbruchsstĂŒcks der Hausautorin Natascha Gangl

Worte wie NĂŒsse knacken

von Shirin Sojitrawalla
Mainz, 17. April 2014

Es geht, grob gesagt, um (Ein-)BrĂŒche aller Art: um den Wohnungseinbruch wie den Einbruch eines Virus, das Einbrechen einer Beziehung wie den Bruch mit Konventionen, den Zusammenbruch von Systemen wie den Einbruch in fremde RĂ€ume etc. pp. In ihrem Text mit dem schön sperrigen Titel „Die große zoologische Pandemie“ umkreist die Mainzer Hausautorin Natascha Gangl ihr Sujet mit spitzfindigem Sprachwitz und jelinekschem Furor. In sechs Kapiteln und einem Abgesang entwickelt Gangl einen ganzen Zoo an Bedeutungen und VerknĂŒpfungen, Referenzen und Assoziationen. Das macht sie pointiert, sprachbewusst und lebensklug. Nicht weniger als der Zustand der kleinen und der großen Welt steht bei ihr auf dem Spiel.

GroßmĂ€ulig ideenreich

Regisseur Felix Meyer-Christian verteilt ihren Text auf vier Schauspieler, wobei Monika Dortschy als mondĂ€nes Fabelwesen am Rande in wechselnden KostĂŒmierungen eindrĂŒcklich in Erscheinung tritt. Derweil verausgaben sich, kaspern und turnen die drei anderen, Nora Decker, Stefan Graf und Mathias Spaan, gekonnt durch den ebenso großmĂ€uligen wie ideenreichen Abend. Die entschiedenen Vagheiten des Textes nimmt die spielfreudige Inszenierung als Steilvorlagen und fĂŒhrt das von der Autorin begonnene Spiel mit den Bedeutungsebenen lustvoll fort. Die BĂŒhne auf Deck 3, dem Spielort unterm Dach des Großen Hauses, ist ein weißer Raum, im Hintergrund leuchtet eine weiße Leinwand, die spĂ€ter mit Videoeinspielungen (Jonas PlĂŒmke) gefĂŒllt wird.

Diese Videos erweitern den Spielraum; Szenen werden dort fortgefĂŒhrt, vervollstĂ€ndigt oder auch gedoppelt. So entsteht eine Welt hinter den Spiegeln, wo eine Geisterbraut und ein weißes Kaninchen von fernen oder kĂŒnftigen Zeiten kĂŒnden. Davor rast Stefan Graf hochtourig und atemlos von einem Statement ins nĂ€chste, gibt Nora Decker die kernig rotwangige Hyperaktive und lĂ€sst der springteufelartige Mathias Spaan mit leuchtenden Augen so ziemlich alles mit sich machen.

Als es im Kapitel Krankheit auch um unseren tĂ€glichen Tanz um die Gesundheit geht, spannen die drei den Beckenboden an und prĂ€sentieren sich in kreischfarbenbunten TarnanzĂŒgen (KostĂŒmrausch: Zahava Rodrigo) als Vorturner der Nation. Dabei knackt der Text immer wieder Worte wie NĂŒsse und entblĂ¶ĂŸt freudig ihre doppeldeutigen Kerne. Furchtbar und fruchtbar sind bekanntlich nur eine r-Drehung voneinander entfernt, und so gebĂ€ren die MĂ€nner widerlich blutverschmierte Gummitiere, die sie liebhaben wie Menschenaffen. Jeder von ihnen will das Kind sein, und alle wollen mal bemitleidet werden, weswegen sie die Verantwortlichkeiten wechseln, bis Monika Dortschy ein Gutemachtwort spricht und die lieben Kleinen in den Schlaf der Ahnungslosen schickt. Vor den Geburten aber, quasi um das Kapitel Familie gebĂŒhrend einzuleiten, gibt es noch eine liebevoll geile Knutscherei im menage Ă  trois-Format.

Als Zuschauer versteht man mal gar nichts, mal ahnt mal alles. Das geht zwar nicht die ganzen zwei Stunden lang gut, die es wĂ€hrt, aber was geht schon zwei Stunden lang nur gut? Der Abend besticht auf jeden Fall immer wieder mit seiner unbĂ€ndigen Unterhaltsamkeit, die den unterschiedlichen Temperaturen des Textes gerecht wird und gleichzeitig ĂŒber die Vorlage hinausweist. Dabei gebiert die Inszenierung ganz eigene Bilderwelten, die zwischen Wirklichkeit und Traum delirieren.

Zu Beginn haben alle Zuschauer zudem einen weißen Schutzanzug erhalten, den die meisten auch brav ĂŒbergestreift haben. Bis zum Ende fragt man sich, was das Ganze soll, doch spĂ€ter werden zusĂ€tzlich noch Masken verteilt und alle, die zuvor im Dunklen saßen, strömen nun ins Helle auf die BĂŒhne, wo dichter Nebel empor dampft und klaustrophobische Einsamkeit auslöst. Wer sich umblickt, fĂŒhlt sich zu gleichen Teilen in der Masse geborgen wie verloren. Überall verschiedenartig Gleichgesichtige, die auch nicht wissen, wohin. Wer wieder im Zuschauerraum Platz nimmt, sieht sich einer gespenstisch glotzenden Engelsschar gegenĂŒber; ein stumm staunender Schlusschor, der dem Abend ein hĂŒbsches Krönchen aufsetzt.

„Felix Meyer-Christian betont den flotten Rhythmus noch, wenn er seine formidablen Darsteller wie eine hyperaktive Turnmannschaft durch den weißen Raum toben lĂ€sst. (…) Diese Aufgeregtheit ist sehr unterhaltsam anzuschauen, wenngleich man nicht immer allen Wortverdrehungen, Doppeldeutigkeiten und Assoziationen folgen kann.“
Christian Friedrich, FAZ Rhein-Main, 19. April 2014

„Er [Felix Meyer-Christian] nimmt die Vorlage als Sprachpartitur und lĂ€sst das Ensemble damit regelrecht rocken. (…) Was Nora Decker, Mathias Spaan und Stefan Graf an Kabarett, Clownerie und Zirkusartistik auffĂŒhren, ist mitreißend – eine Power-Performance, bei der selbst verschwurbelte Gedanken mit enormer Dringlichkeit dargeboten werden.“
Stefan Benz, ECHO, 23. April 2014 

Produktion: FUKUSHIMA, MY LOVE

Fleetstreet Theater Hamburg Residency Program
Gastspiele am Theater Bremen (Outnow), Nationaltheater Weimar (Kesselsaal), Thalia Theater Hamburg (150% Prozent), Theater und Orchester Heidelberg (Doppelpass)

Rhein-Neckar-Zeitung, 04.10.2013

Fukushima, my love„: Die dritte Atombombe fĂŒr Japan

von Heribert Vogt

Ein Theaterabend, der einem wirklich die Schuhe auszieht. ZunĂ€chst im direkten Sinn, denn vor Betreten der SpielstĂ€tte mĂŒssen die Besucher nach japanischer Sitte ihre Schuhe abstellen. Aber dann zieht die AuffĂŒhrung „Fukushima, my love“ dem Besucher auch insofern „die Schuhe aus“, als sie die massenmedial verbreiteten – und schon gewohnten – Bilder von der Atomkatastrophe in Japan durchbricht und ihre schrecklichen Auswirkungen ganz nah herankommen lĂ€sst.

Mit dieser eindrucksvollen Tanz-Performance stellte sich die Hamburger „costa compagnie“ erstmals als Kooperationspartner des Heidelberger Theaters vor. Denn das Gastspiel bildete den Auftakt des zweijĂ€hrigen gemeinsamen Projekts „Conversion“, das die vergangene PrĂ€senz der Amerikaner in Heidelberg mit einer Reihe von BĂŒhnenarbeiten untersucht. Gefördert wird diese Zusammenarbeit durch den Fonds Doppelpass der Bundeskulturstiftung.

Einen Vorgeschmack auf ihr „Konzept einer ArchĂ€ologie der Gegenwart“ gab die Theaterformation jetzt mit der „Fukushima“-Inszenierung von Felix Meyer-Christian. Denn aus der alltĂ€glichen Wahrnehmung „ausgegraben“ wurde die weitgehend verdrĂ€ngte tödliche Dimension der atomaren Havarie. Nachdem man die Schuhe ausgezogen hat, betritt man eine andere Welt, die nichts mehr mit dem Alltag da draußen zu tun hat. Man befindet sich in einem großen, ganz in weiß gehaltenen rechteckigen Raum mit hohen WĂ€nden, der fast leer ist. Nur ebenfalls weiße Styropor-WĂŒrfel bieten den Zuschauern mobile Sitzgelegenheiten.

Aber diese Welt ist nicht nur unwirtlich, sondern offenbar auch ganz aus den Fugen geraten, wie der wiederum weiße Boden andeutet (BĂŒhnenraum: Anika Marquardt / Lani Tran-Duc). Er ist nicht eben, sondern besteht aus zahlreichen rechteckigen FlĂ€chen ganz unterschiedlicher Höhen – als hĂ€tte eine dunkle Macht die begehbare OberflĂ€che komplett verschoben. Irgendwo in der Mitte dieser BodenflĂ€chen ist ein leeres Loch ausgespart, das fĂŒr die unheilvollen AbgrĂŒnde des NuklearunglĂŒcks stehen mag.

Zu den einprĂ€gsamsten Szenen des Abends zĂ€hlt das schon fast laokoon-artig verstrickt wirkende Miteinander von vier Akteuren, die sich dagegen wehren, in diesen Abgrund hineingezogen zu werden. Die drei TĂ€nzer Signe Koefoed, Robert Bell und Jascha ViehstĂ€dt sowie die beiden Performer Maria Walser und Dennis Pörtner sind ansonsten fast immer isoliert unterwegs oder fĂŒhren in zergliederten Aktionen synchrone, maschinell wirkende Bewegungen aus. Dabei tragen sie lockere Alltagskleidung mit wenigen japantypischen Akzenten (KostĂŒm und BĂŒhnenraum: Anika Marquardt/Lani Tran-Duc).

Alle SinnzusammenhĂ€nge sind hier zersprengt, und ihre BruchstĂŒcke werden im steril wirkenden Raum der AuffĂŒhrung disparat montiert. Dazu zĂ€hlen etwa die so unwegsam arrangierten BodenflĂ€chen, aber der Theaterabend konfrontiert noch mit ganz anderen BruchstĂŒcken: mit TextflĂ€chen aus japanischer Mythologie und Literatur, fremdartig wirkenden KlangflĂ€chen (Musik und Sounddesign: Katharina Kellermann), riesigen VideoflĂ€chen aus dem japanischen Alltag auf zwei gegenĂŒberliegenden WĂ€nden (Video: Jonas PlĂŒmke) und eben auch so fremdartigen wie faszinierenden BewegungsflĂ€chen der Akteure.

FĂŒr diese große BĂŒhnencollage, in der auch die Zuschauer unterwegs sind, hat die Theatergruppe anderthalb Jahre nach der Fukushima-Katastrophe in Japan recherchiert und dokumentarisches Material gesammelt. In dem dargebotenen Sinnenrausch transportiert es ein eigenstĂ€ndiges Bild des fernen Inselstaats und seines Umgangs mit der letztlich unsagbaren Bedrohung. Nur ahnen lassen sich die Gefahren durch Verstrahlung etwa fĂŒr Leib und Leben von Kindern oder jungen Frauen in der Umgebung des Atomkraftwerks. Und hĂ€u-fig kommt Hiroshima zur Sprache, dessen Leid heute kaum noch in Worte gefasst werden kann. So wird denn auch einmal Fukushima nach Hiroshima und Nagasaki als „dritte Atombombe“ fĂŒr Japan bezeichnet.

Unfassbar und unsichtbar bleibt die verheerende Strahlung letztlich auch an diesem knapp zweistĂŒndigen Abend. Aber die zeitarchĂ€ologische AnnĂ€herung an den glĂŒhenden Kern der Katastrophe durch die Hamburger GĂ€ste sorgte doch fĂŒr eine ganz erhebliche Sensibilisierung hinsichtlich der fatalen Konsequenzen – denn man fĂŒhlte sich doch stark an das nahe Tschernobyl von 1986 erinnert.

Nun darf man gespannt sein, was die neue Kooperation zwischen Heidelberg und Hamburg zur fast 70-jĂ€hrigen PrĂ€senz der Amerikaner auf der BĂŒhne zutage fördert. 

Die Welt, 19.01.13

Japanischer Atomschmerz
Fukushima-Performance der Costa Compagnie im Fleetstreet Theater

Von Stefan Grund

Diese Performance erhellt den Schatten, den sie vorauswirft. „Fukushima, my love“ hat Theatertruppen-Leiter Felix Meyer-Christian sein StĂŒck genannt, eine Anspielung auf den Film „Hiroshima, mon amour“, den Regisseur Alain Resnais nach dem Buch von Marguerite Duras 1959 ins Kino brachte. Duras und Resnais nĂ€herten sich der Zerstörung Hiroshimas durch die Atombombe kĂŒnstlerisch ĂŒber den Spiegel einer Liebesgeschichte. Meyer-Christian und seine Costa Compagnie treten von heute an im Fleetstreet-Theater in der AdmiralitĂ€tsstraße umsichtig und kĂŒnstlerisch vielschichtig an die Dreifachkatastrophe von Fukushima und ihre Folgen heran – und schlagen den Bogen zu Hiroshima.

Das Erdbeben, der Tsunami und die Zerstörung der Atommeiler in Fukushima liegen anderthalb Jahre zurĂŒck. Sieben TĂ€nzer, Performer, Musiker und VideokĂŒnstler, machen diverse Erfahrungen mit Blick auf die Katastrophe fĂŒr 45 Zuschauer pro Abend nachfĂŒhlbar. „Sinnlich-essayistisch“ soll laut Untertitel erzĂ€hlt werden. Dabei greift das StĂŒck auf Videomaterial zurĂŒck, das Meyer-Christian im Oktober vergangenen Jahres auf einer dreiwöchigen Recherche-Tour durch Japan aufzeichnete. Anschließend begann er damit, auf der Basis von 35 gefilmten Interviews, den Theatertext zu schreiben. Im Dezember erarbeitete der Absolvent des Hamburger Regiestudiengangs dann gemeinsam mit der vollen Besetzung von 14 Beteiligten die Performance.

Das zentrale, klassische ErzĂ€hlelement des Abends ist der Botenbericht aus dem antiken Theater. Was der moderne Bote aus dem heutigen Japan mitbringt, ist neben den messbaren Folgen der Verstrahlung der Versuch, den gesellschaftlichen Umgang mit dem PhĂ€nomen Fukushima im Land der Betroffenen zu begreifen. „Im Gegensatz zum Westen, wo das Individuum im Mittelpunkt aller Überlegungen steht, empfindet sich der Japaner zunĂ€chst als dienendes Mitglied der Gemeinschaft und denkt von außen nach innen“, erzĂ€hlt Meyer-Christian, „wobei die Reihenfolge der Überlegungen folgende ist: Was bedeutet das erstens fĂŒr mein Land, zweitens fĂŒr meine Region, drittens fĂŒr meine Nachbarschaft und Familie und viertens fĂŒr mein berufliches Umfeld. Erst danach gestattet der Japaner es sich, an sich selbst zu denken.“ Alle Überlegungen seien dabei eng mit den alltagsprĂ€genden Religionen Shinto und Buddhismus verknĂŒpft, so der Autor, selbst die Geschichtsschreibung sei erzĂ€hlend und den im Alltag gegenwĂ€rtigen Mythen verbunden.

Aktivisten gegen die Atomenergie gerieten leicht ins soziale Abseits, berichtet der Autor von seiner Reise. So habe er einen Mann kennengelernt, der es Kindern aus stark verstrahlten Gebieten in Fukushima ermöglicht, fĂŒr einem Monat im Jahr die Stadt zu verlassen und damit der Strahlung zu entkommen. Von Professoren der stĂ€dtischen UniversitĂ€t wurde dieser Mann deshalb als regierungskritisches Subjekt betrachtet, dem man sich mit Vorsicht zu nĂ€hern habe. Dennoch gebe es gerade unter Studenten Protest nach westlichem Muster, insgesamt nicht mehr als die Keimzelle einer Anti-AKW-Bewegung, die jedoch auf dem betroffenen Land um Fukushima herum kaum Resonanz fĂ€nde. Die Studenten unterstĂŒtzten Meyer-Christian bei seiner Recherche. Eine Studentin dolmetschte, denn auf dem Land, auch im Gebiet in der 20-Kilometer-Sperrzone um die Reaktoren herum, spricht kaum jemand Englisch oder gar Deutsch.

Die dramatische Lage vor Ort, die kulturellen Unterschiede in der BewĂ€ltigung sollen nun in der rund zweistĂŒndigen Performance (ohne Pause) dem Publikum vermittelt werden. Dabei setzt die Costa Compagnie auf die Gleichberechtigung von Tanz und essayistischem Text. Sie folgt in ihrer Arbeit der grundsĂ€tzlichen Fragestellung: „Was ist der Mensch in der Katastrophe?“, die hier konkretisiert lautet: „Was ist der Japaner in der Katastrophe?“

Ganz bewusst hat sich Meyer-Christian, der hier nicht als Regisseur, sondern neben seiner Funktion als Autor als Gestalter im GesprĂ€ch mit der Compagnie auftritt, vor seiner Arbeit keine anderen Tanztheater-Produktionen oder Performances, beispielsweise aus Tokio, zum Thema Fukushima angesehen. Auch Elfriede Jelineks Drama „Kein Licht“, das Fukushima-StĂŒck der LiteraturnobelpreistrĂ€gerin, das die kommende Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier 2011 in Köln urauffĂŒhrte, habe er bewusst nicht vorher gelesen, um sein Denken nicht in vorbestimmte Bahnen lenken zu lassen, erzĂ€hlt Meyer-Christian.

Vor der heutigen Premiere bereiteten sich alle am StĂŒck Beteiligten mit einer 72-stĂŒndigen „ArchĂ€ologie“ im Theater (inklusive Übernachtung im Schlafsack) auf die AuffĂŒhrung vor, um im Sinne einer „ArchĂ€ologie der Gegenwart“ weitere Aspekte des Themas freizulegen. Ermöglicht wurde die Produktion durch ein Stipendium des Fleetstreet Resident Program, von der Kulturbehörde, der Hamburgischen Kulturstiftung und der Rudolf Augstein Stiftung. 

Now!Out, 10.06.2013
the daily Paper of the OUTNOW! festival 2013

FUKUSHIMA, MY LOVE

Im Kleinen Haus des Theaters Bremen erinnert die costa compagnie an das ReaktorunglĂŒck in Fukushima und bringt dem Publikum die japanische Kultur nĂ€her

von Carolin Nieder

Japan erlebte im zweiten Weltkrieg zwei atomare Angriffe auf Hiroshima und Nagasaki durch die USA. Als dritte Atombombe gilt der Super-GAU in Fukushima. Eine japanische Metapher fĂŒr diese Bomben ist Godzilla. Auch er findet seinen Weg auf die BĂŒhne von „Fukushima, my love“.

Die costa compagnie vermittelt in „Fukushima, my love“ AnsĂ€tze, um das japanische UnglĂŒck besser verstehen zu können. Was ist der Mensch in der Katastrophe? Felix Meyer-Christian, GrĂŒnder der costa compagnie, wollte es wissen und reiste im Oktober 2012 nach Japan. Er kam mit Interviews, Geschichten und Aufnahmen zurĂŒck, die als Grundlage fĂŒr „Fukushima, my love“ dienen. Tanz, Installation, Theater, Video und Musik sind zu einer rund 110-minĂŒtigen Performance verknĂŒpft, die ihren Reiz nicht zuletzt aus dem interessanten Raumkonzept bezieht. Das Publikum befindet sich auf der BĂŒhne und wird durch Standortwechsel Teil einer situativen Installation.

Eine wichtige Erkenntnis, die das StĂŒck vermittelt, ist die StĂ€rke, die der Mensch durch Zusammenarbeit erfĂ€hrt. „Das Kollektiv findet seine ErfĂŒllung in der Katastrophe“, in der sich das Individuum auflöst. Ein Teil der Frage, was der Mensch in der Katastrophe sei, wird dadurch beantwortet. Doch „fĂŒr eine Frage gibt es kein Ende“, denn alles erscheint zu komplex und eine jede Zukunft ungewiss, dass man fĂŒr eine Frage keine endgĂŒltige Antwort findet.

Die Namensgebung des StĂŒcks hĂ€tte nicht treffender sein können. „Fukushima, my love“ zieht eine Parallele zu dem Film „Hiroshima, mon amour“. Neben Fukushima spielt Hiroshima in dem StĂŒck der costa compagnie eine große Rolle. Eine Mischung aus Mythologie, Wissenschaft und RealitĂ€t macht das StĂŒck zu einem bunten, aber auch bedrĂŒckenden Erlebnis. Doch vor allem Hoffnung wird in „Fukushima, my love“ deutlich. Die Interviews sind so gewĂ€hlt, dass StĂ€rke und Zuversicht mitschwingen. Durch die Bewegungen der drei TĂ€nzer wird dieser Eindruck noch verstĂ€rkt. Trotz großem Kraftaufwand wird nicht aufgegeben. „Fukushima, my love“ vermittelt kunstvoll Wissen, GefĂŒhl und VerstĂ€ndnis zu Fukushima und der japanischen Kultur. Besonders hervorzuheben ist die Leistung des Ensembles, das das Publikum durch teils waghalsige Darbietungen in Spannung versetzt. Eine vermittelnde Performance der Extraklasse! 

Produktion: DIE GROSSE ZOOLOGISCHE PANDEMIE (Werkstattinszenierung)

Staatstheater Mainz

Mainzer-Rhein-Zeitung, 23.09.2012

Auf Deck 3 ist FlexibilitÀt

von Eva Szulkowski

(…)Mit grellweißer Kulisse, quietschbunten Requisiten und jeder Menge Sauerei wurde das Deck 3 im Handumdrehen zur grellbunten Spielwiese fĂŒr einsatzfreudige Schauspieler und wilde Ideen.

„Die große zoologische Pandemie“ (Text: Natascha Gangl, Regie: Felix Meyer-Christian) ist in etwa so, wie sich der Laie „modernes Theater“ vorstellt: Bunt, laut, bruchstĂŒckhaft und undurchschaubar, aber nichtsdestotrotz ein Heidenspaß. Es geht um den Einbruch – in HĂ€user, in Körper, in fremde LĂ€nder, um diesen Moment der Verstörung, der alles verĂ€ndert. Mit dabei: Schlagzeugspielende Orang Utans und rosa Karnickel, die Wutreden schwingen. Erst bittere, stille Poesie, dann grelle, laute Anarchie: Ein furioser kĂŒnstlerische Grundstein fĂŒr die neue BĂŒhne, der Lust auf mehr macht. 

Produktion: HERZ DER FINSTERNIS

Lichthof-Theater Hamburg & Maxim Gorki Theater Berlin

Hamburger Abendblatt, 12.09.2012

Von der Angst vor dem Fremden und der Wildnis

„Herz der Finsternis“ im Lichthof ist ein gekonnt inszenierter Trip ins Grauen

von Klaus Witzeling

HAMBURG. Eine Kunststoffplane verdeckt im Lichthof-Saal riffartig aufragend die ZuschauertribĂŒne. Die Besucher stehen ratlos vor dem Hindernis. Sie fĂŒhlen sich fremd, unbequem ohne Sitzgelegenheiten, wie ausgesetzt. Ähnliche Orientierungslosigkeit empfand wohl KapitĂ€n Marlow bei seiner Ankunft im Kongo in Joseph Conrads ErzĂ€hlung „Herz der Finsternis“.

Auf den Spuren von dessen Flussreise steigert Felix Meyer-Christian in seiner Multimedia-Performance nach Conrads Stoff die Dosis an Irritationen: mit erzĂ€hlten Schreckensszenen, grotesken TĂ€nzen und dem tödlichen Schlussritual gespenstischer Lemuren. Er zeigt im szenischen Essay ĂŒber die Angst vor dem Fremden und die anmaßende Herrschaft der Kolonialherren ĂŒber die „Wilden“, wie „zivilisierte“ Menschen Schritt fĂŒr Schritt zu den von ihnen verachteten, versklavten und vernichteten „Monstern“ mutieren.

Ein Dutzend Donnerbleche begrenzt in der Rauminstallation von Eylien König die SpielflĂ€che, bildet den undurchdringlichen Wall des Urwalds und dient zugleich als ProjektionsflĂ€che fĂŒr Signe Koefoeds atmosphĂ€rische Videomontage. Die beĂ€ngstigend intensive TĂ€nzerin und Choreografin – inspiriert durch Afro-Tanz und den an Exzess und Körpergrenzen rĂŒhrenden japanischen Butho – verkörpert das Fremde in der Konfrontation mit den die Conrad-Prosa sprechenden Schauspielern Lisa Flachmeyer und Meyer-Christian.

Der Regisseur, fĂŒr den erkrankten Paul Walther eingesprungen, las zwar den Text, agierte jedoch mit, sodass der Trip ins Grauen ungehindert seinen Sog entfalten konnte. So spannte Meyer-Christian in der Szenen-Collage auch den Bogen von den mörderischen Machenschaften der weißen ElfenbeinhĂ€ndler bis zu den skrupellosen Waffenschiebern in gegenwĂ€rtige Kriegszonen.

In der zuweilen quĂ€lend rituellen „Austreibung des Bösen“ macht es Felix Meyer-Christian, ein entschiedener Moralist, weder sich noch dem Publikum einfach. Doch packt er am konzessionslosen Abend, Ă€hnlich seinen anderen historisch-kritischen Recherchen, ein verdrĂ€ngtes heißes Thema an. Und baut – mit gedanklicher SchĂ€rfe und kĂŒnstlerischer WiderstĂ€ndigkeit – eine artistische Stromschnelle in den sich konsumfreundlich und trĂ€ge dahin wĂ€lzenden Theater-Mainstream. (-itz) 

Produktion: ARCHE.ZONE – CHERKIZOV REVISITED

Joseph Beuys-Theater & Sakharov-Centre Moscow, Russia

The Moscow Times, 27 February 2012
Theater Plus / Drama Critic John Freedman about Culture and Art in Russia

Breaking Down the Barriers of Theater

By John Freedman

(…) Next up was „Cherkisov Revisited,“ a performance-installation, if I may put it that way, conceived by Felix Meyer-Christian, Eylien Konig, Karolina Mazur and Alexei Kukarin. This was ostensibly an exploration of the effect that the controversial closing of the Cherkizovsky open-air market had on those who had worked there, although nothing so obvious and concrete emerged from the performance we witnessed. It included documentary texts drawn from interviews with a former market worker, and excepts from the writings of Chingiz Aitmatov.

The audience wandered about the stage, stopping to peruse a sculptural ensemble of pedestals in the center of the hall; to watch excerpts from Andrei Tarkovsky’s film „Stalker“ on a computer in one corner; to watch videos of the old Cherkizovsky market projected on the floor in another corner; to listen to a women reading text in Polish as a Russian interpreter provided simultaneous translation; and to observe an oversized polyethylene bag as it came to life and crawled across the floor.

There was no center of attention and, during a discussion afterwards, director Meyer-Christian admitted he was surprised and even a little disappointed that some elements of his work were basically ignored by spectators. Much was made of the odd figure of the sack making its way across the floor. Some were surprised that no one bothered to open the bag and look inside — clearly there was a person in there, perhaps someone who needed to be liberated. Others pointed out that some spectators stood in the way of the bag and hindered its forward movement. Was this an act of curiosity, indifference or hostility? (…) 

Produktion: KOHLHAAS. FREI NACH KLEIST.

Kampnagel Hamburg (02/2012) & Körber Studio Junge Regie am Thalia Theater Hamburg (04/2012)

Jurytext zur Auswahl zum Körber Studio Junge Regie 2012
20. Februar 2012

von Michael Laages

„Frei nach Kleist“ gibt sich Felix Meyer-Christians Spielfassung von Heinrich von Kleists auch und gerade heute, in Zeiten neuer Revolten, wieder hoch modernem Text ĂŒber den mörderischen Aufruhr des Rechtsfanatikers Michael Kohlhaas zwar im Titel – aber Kleists Text vertraut der Regisseur zutiefst. Das ist eine der zentralen QualitĂ€ten dieser Abschlussinszenierung an der Hamburger Theater-Akademie: das Material, den Kern der Erregung, nie sehr weit außer Sicht- und Hörweite geraten zu lassen; und drum herum doch eine bilderstarke Phantasie vom erzgerechten, notfalls auch ĂŒber Leichen gehenden Wahrheitswahn erstehen zu lassen.

Eine Art Baumstamm (aus der Reihe derer, die rechts hinten im Nebel bleiben – als stĂŒnden sie schon da fĂŒr Schillers ‚RĂ€uber‘ in böhmischen WĂ€ldern) wird zur Scheidemarke zwischen Gut und Böse, Gerecht und Falsch; wer den Stamm gesetzt, hat Macht. Oder er verliert sie gleich. Doch Kohlhaas wird im Aufopfern alles Hab und Guts auch zum schwebenden Engel der Gerechtigkeit. All das sind Bilder von starker ikonischer Wirkung; und mit dem außerordentlich bemerkenswerten Ensemble (der „costa compagnie“) gelingt sogar die immer sehr komplizierte Volte ins Politische gegen Ende – sie beginnt mit Martin Luthers Eintreten in die Handlung und endet mit einer Art Verschwörungstheorie: der Causa Kohlhaas als staatspolitischer RankĂŒne und dem Beschwörer von Recht und Billigkeit als armem Bauernopfer. Das ist ein durchweg starker Zugriff auf Kohlhaas und Kleist mit den Mitteln des Theaters. 

Hamburger Abendblatt, 07. April 2012

Nachwuchs zeigt sich politisch

von Klaus Witzeling

(…) Dennoch zeichnete sich ein verbindendes Thema ab und signalisierte die politisch bewusste Haltung der Nachwuchsregisseure: der Protest gegen herrschende Systeme. Egal, ob an Fassbinders „Anarchie in Bayern“, im dokumentarischen Projekt „Bahar und Omid“ ĂŒber ein Geschwisterpaar in Teheran oder an Kleists „Michael Kohlhaas“ abgehandelt wurde – ĂŒbrigens eine reife und heutig reflektierte Interpretation des Novellenstoffs von Felix Meyer-Christian von der Hamburger Theaterakademie.(…) 

Die Welt, 05. April 2012

Mit Haut und Haar dem Theater verschrieben
Jubel, TrĂ€nen und Stirnrunzeln bei der großen Theater-Nachwuchsschau des Körber Studios Junge Regie

Von Frank Keil

(…) Überzeugend auch „Kohlhaas. Frei nach Kleist“ von Felix Meyer-Christian von der Hamburger Theaterakademie, der zeigte, dass ein sorgsam karges BĂŒhnenbild wahre Wunder wirken kann, wenn einer es versteht, seine Spieler zu leiten – und umgekehrt. (…)

www.hamburgtheater.de

20. Februar 2012

Keime der Revolution

von Birgit Schmalmack

Revolution kennt zwei ZustÀnde: Wut und Hoffnung. Von Kohlhaas ergreifen sie erst allmÀhlich Besitz.
Auf der schwarzen BĂŒhne ragen Holzbalken bis zur Decke, zu SĂ€ulen aufgestellt. Rauchschwaden umziehen sie. Die Pfeiler einer Gesellschaft, welche sind es? Ab welchem Moment geraten sie ins Wanken? Wann beschließen die Untergebenen aufzubegehren gegen die ZustĂ€nde?

ZunĂ€chst glaubt Kohlhaas (Dennis Pörtner) noch an die Gerechtigkeit. Noch vertraut er den Gesetzen, der Ordnung, dem Staat. Erst als ihm in seinem Prozess diese Gerechtigkeit verwehrt wird und seine geliebte Frau Lisbeth von Vertretern dieses Staates so schwer verletzt wird, dass sie stirbt, wird er zum Aufbegehrenden. Er wird zum Racheengel. Hoch schwebt er ĂŒber der BĂŒhne, nackt in seinem Zuggeschirr. Er sieht sich als Engel Michael, der Rache nimmt fĂŒr die Ungerechtigkeit, die ihm widerfahren ist. Er schart hinter sich tausende von Unzufriedenen, die unter seiner FĂŒhrung Herrschende zur Rechenschaft ziehen, auf ihre MissstĂ€nde unmissverstĂ€ndlich hinweisen wollen und dafĂŒr StĂ€dte niederbrennen.
Ist dieser alles Maß verlierende Kohlhaas ein Gerechter? Ist er ein KĂ€mpfer, der stellvertretend fĂŒr viele zur Waffe greift, weil alle anderen Mittel versagt haben?

Regisseur Felix Meyer-Christian hat wie Kleist eine eindimensionale Beantwortung dieser Frage in seiner Diplom-Inszenierung klug vermieden. Er zeigt Herrscher und RevolutionĂ€re, die sich gleichermaßen stark von ihren ganz persönlichen Lebenszielen und strategischen MachtwĂŒnschen treiben lassen. VerstĂ€ndnis fĂŒr Kohlhaas Aufbegehren wird ebenso erzeugt wie sein Getriebensein durch allzu große EmotionalitĂ€t deutlich wird. Meyer-Christian bedient sich nicht nur fĂŒr die Textgrundlage einer breiten Sammlung an Äußerungen zum Thema Revolution, (u.a. von Alexander Kluge, BrĂŒggemann, Martin Luther) sondern einer Vielfalt von anregenden Regiemitteln. Mal lĂ€sst er unheilschwanger die schwarz gekleideten Vertreter des Staates aus dem dunklen Nebel hervortreten, mal reiht er sie wie Witzfiguren auf einem Balken fĂŒr ihre Gerichtsshow an. Sprechende Bewegungschoreographien erzeugen immer neue Stimmungen. Unterlegt wird alles von einem mal sĂ€uselnden, mal zwitschernden, mal bedrohlichen, mal vibrierenden Klangteppich der Theatermusikerin Katharina Kellermann. VordergrĂŒndig prunkvolle KostĂŒme enttarnen die Oberen.

Meyer-Christian hat hervorragende Schauspieler (Ana Berkenhoff, Sebastian Klein, Miriam Joya StrĂŒbel) fĂŒr seine Inszenierung gewinnen können. Sie springen in schnellem KostĂŒmwechsel von einer Rolle in die nĂ€chste. In Zeiten arabischer Revolutionen, Occupy-Bewegung und Demonstrationen in EU-Staaten ist der freien Gruppe Costa Compagnie ein aktueller Beitrag von inhaltlicher und kĂŒnstlerischer Brisanz gelungen. 

Körber Studio Junge Regie 2012, 4. April 2012

DIGGERS MOST WANTED

von Angela Ölscher und der Redaktion

Wir waren fĂŒr Euch live beim Körber Studio Junge Regie 2012. Es gab schöne Momente, schrĂ€ge StĂŒcke und viele Lacher. Hier ist die Hitliste der Redaktion. Mal sehen, ob Publikum und Jury unserer Meinung sind.

Platz 1
“Kohlhaas. Frei nach Kleist”, Regie: Felix Meyer-Christian

Platz 2
„Schwarze Jungfrauen, Regie: Malte C. Lachmann

Platz 3
„Nora oder ein Puppenhaus“, Regie: Julia Wissert

Körber Studio Junge Regie / textversion, 4. April 2012

Getrieben-Sein und dabei draufgehen:

Die Theaterformation „costa compagnie“ thematisiert menschliches Aufbegehren in Kohlhaas. Frei nach Kleist.

Von Michaela Neukirch

Heinrich von Kleist postuliert AufklĂ€rungsdialektik im absolutistischen Regime. Aber befinden wir uns nicht im Jahr 2012? How does this fit? Felix Meyer-Christian antwortet nicht, indem er eine Zeitmaschine baut, um alte Strukturen zu entstauben. Er antwortet, indem er in Kleists Novelle zeitgenössische Politika so aufspĂŒrt, dass sie gewissenhaft im Hier und Jetzt den Ruf des Michael Kohlhaas nachhallen lassen. Der aufrĂŒhrerische Protagonist der Kleist’schen Novelle, den wir heute kurzerhand als WutbĂŒrger bezeichnen wĂŒrden, spricht von seiner „Pflicht fĂŒr Menschen und Pferde“. Das klingt erst einmal irre – kann man nicht anders sagen, auch wie der großartig-zappelige Dennis Pörtner diese Worte herausknallt. Die Vielzahl klug verwobener Theaterelemente – BĂŒhne, Licht, KostĂŒme, Sounds, Performance – sorgen aber dafĂŒr, dass der Zuschauer mit prĂ€zisem Feinsinn fĂŒr Bildsprache rational berauscht wird. Und die wahnwitzigen Verstrickungen der Obrigkeit als andere, konspirative Seite zu betrachten beginnt, in der das Einzelschicksal hervorschaut und gleichzeitig untergeht.

„Woher weißt du, dass man dich nicht schĂŒtzen wird?“, fragt Kohlhaas geliebte Ehefrau Lisbet. Im nĂ€chsten Moment liegt sie bereits tot am Boden und der zuvor naiv-optimistische Kohlhaas verliert in seiner EmotionalitĂ€t vollends den Glauben an die Gerechtigkeit. Die Figur des Martin Luther (Sebastian Klein) taucht auf und ĂŒberzeugt als pseudo-weiser, selbstironischer Ratgeber („Unrecht mit Unrecht zu vergelten, das gibt noch lange kein Recht“) der einen nackten, strampelnden Racheengel auf die Erde zurĂŒckholt, und dabei mild „Ach, Michael“ stöhnt. Die komischen Szenen sind mit die stĂ€rksten des StĂŒcks, da sie auf bitteren Sarkasmus verzichten. Derartig gelingt es eine angenehme Distanz zu Kleists Epoche und Weltanschauung finden, ohne sie sprachlich zu verlieren. So rieselt es Möhren- statt Maschinengewehrsalven als lĂ€cherliche Juristen-Figuren Kohlhaas‘ Urteil sprechen. Dass diese halb ausgespuckt, zerkaut, fast erbrochen wieder auf dem Teller landen, stört niemanden. Es wird weitergefuttert.

FĂŒr die spannend-verstörende Frage „Wann lĂ€uft der Einzelne Amok?“ findet Felix Meyer-Christian Umsetzungsformen, die in ihrer sorgfĂ€ltigen Ausarbeitung und nachhaltigen VielfĂ€ltigkeit ĂŒberzeugen. 

Produktion: HUNDEGRAB

Theater OsnabrĂŒck

Neue OsnabrĂŒcker Zeitung, 03.09.2011

Spieltriebe-Programm, Route 2: Intensiv, rasend, schnell

von Anne Reinert

Auf heftige GefĂŒhlswechsel dĂŒrfen sich Zuschauer der roten Limberg-Route einstellen. Im Naafi-Supermarkt begrĂŒĂŸt Schauspieler Dennis Pörtner sie mit „Odyssee“-Zitaten und fĂŒhrt sie in die deutschsprachige ErstauffĂŒhrung von „Hundegrab“ , einem StĂŒck, das die Italienerin Letizia Russo vor zehn Jahren geschrieben hat. Der Krieg hört hier nicht auf. Nicht jenseits der Front und nicht nach seinem Ende.

Regisseur Felix Meyer-Christian verschafft ein intensives Theatererlebnis. Das ist auch den ĂŒberzeugenden Schauspielern zu verdanken, die sich die Kleider vom Leib reißen, mit Schlamm beschmieren und in GefĂŒhle hineinsteigern. Doch das Suhlen im Schmutz befreit nicht von SchuldgefĂŒhlen, Trauer und Wut. Am Ende bleiben eine zerstörte Kulisse und die Frage, wer den Krieg begonnen hat. Etwa „du und ich“, wie Luther seine Frau MĂĄnia fragt. Das alles ist zum Weinen traurig und doch beglĂŒckend, weil dieses StĂŒck so gelungen ist. (…) 

Produktion: DAS ERBEBEN IN CHILI ODER DIE STUTTHOF-HÄFTLINGE

Deutsches Schauspielhaus Hamburg / Malersaal

Hamburger Abendblatt, 04. Juli 2011

Kaltstart-Festival von starkem „Erdbeben in Chili“ erschĂŒttert

von Klaus Witzeling

HAMBURG. Der glĂŒckliche Zufall spielt in der Literatur, im Leben, im Theater oft den Dramaturgen. Beim Abschluss des Kaltstart-Festivals entschĂ€digte die Costa-Compagnie mit Felix Meyer-Christians literarisch-dokumentarischer Performance „Das Erdbeben in Chili oder Die Stutthof-HĂ€ftlinge“ voll fĂŒr die EnttĂ€uschung ĂŒber die ausgefallene Finale-Werkstatt-Nacht.

Der gewagte Versuch, die Katastrophen und glĂŒcklichen ZufĂ€lle von 1645 in Kleists „Erdbeben“-Novelle in dem tatsĂ€chlichen Exodus der KZ-HĂ€ftlinge von Stutthof nach Neustadt von 1945 zu spiegeln, ging ĂŒberraschend gut auf. Kein glĂŒcklicher Zufall. Denn die Grausamkeiten in Kleists ErzĂ€hlung wie in den Zeitzeugen-Erinnerungen sind fĂŒr uns heute Ă€hnlich unbegreiflich und ergaben hier ein klug montiertes, verstörendes Bild ĂŒber die Entmenschlichung des Menschen durch Ideologie-Systeme, sei es im Dienst der Kirche oder eines Terrorregimes.

Von Beginn an betonten Regisseur und Spieler in der Performance den Kunstvorgang. Von einem Museumshocker blickte Urte Clasing auf die BĂŒhneninstallation aus LebensbĂ€umen und leblosen Körpern. Die Zeitzeugin – sie ĂŒberlebte als ElfjĂ€hrige den SS-Angriff auf die FlĂŒchtlingsschiffe in der LĂŒbecker Bucht – gab den Toten ihre Stimme. Den fĂŒnf jungen Schauspielern gelang die heikle Balance, die Schreckensszenen emotional zu vermitteln und doch geziemende Distanz zu bewahren. In einer Art Zustand des „seelischen Stillstands“, wie Clasing im Schlusswort sagte. Bewegend, ohne Pathos, fallen Fakten und Fiktion in diesem Requiem mit Gesang ineinander. Ein starker Finale-Schlusspunkt.(-itz) 

Produktion: MOTORTOWN ODER HEIMKEHR

Theaterakademie Hamburg & OUTNOW-Festival Schwankhalle Bremen

www.nachtkritik.de, 12. Juli 2010

Hauptsache exotisch!

von Johannes Schneider

(…) Irakheimkehrer Dannys Bezugspersonen: Es scheint da nur bedingt zynisch, von Felix Meyer-Christians Bearbeitung von Simon Stephens‘ KriegsstĂŒck „Motortown“, das im Anschluss auf der HauptbĂŒhne gezeigt wird, beinahe als Erholung zu sprechen. Ganz reduziert lĂ€sst Meyer-Christian seine Protagonisten auf einer schmalen BĂŒhne vor einem schwarzen Vorhang agieren. AnnĂ€hernd plakativ tritt dabei hervor, wie Irak-Heimkehrer Danny (Dennis Pörtner) verloren ist zwischen denen, die einmal seine Bezugspersonen waren, und die ihn nun, wie er von einem zum anderen geht, abwechselnd spĂŒren lassen (mehr oder weniger bewusst), wie wenig sie noch mit ihm, dem schwerst Traumatisierten, anzufangen wissen.

Als Danny, der clownesk zu MilitĂ€rmusik einmarschiert und spĂ€ter immer wieder sein Heil in Monologen suchen wird (die der Regisseur aus Briefen englischer Irakkrieg-Soldaten klug in die StĂŒckvorlage eingefĂŒgt hat), am Ende in seiner Verzweiflung BĂŒhnenaufbau und Vorhang niederreißt und dahinter doch nur ein grĂ¶ĂŸeres GefĂ€ngnis vorfindet, ist das in seiner Klarheit ein so unsagbar starker Moment, wie er nur aus planvoller Reduktion resultieren kann. 

Produktion: FAUST II – ENDE

Theaterakademie Hamburg & Maxim Gorki Theater Festival der Kunsthochschulen, Kaltstart-Festival Hamburg, Körber Studio Junge Regie / textversion, körber studio thalia in der gaußstrasse

20. MĂ€rz 2010

Faust-Kerne
Die zwei Faust-Inszenierungen der Late Nights machen die Spannung zwischen Metaebene und Körper zum Erlebnis

von Jan Berning

Im zweiten Teil der Late Night, der Inszenierung des fĂŒnften Aktes aus dem Faust II von Felix Meyer-Christian, wird eine alte ErzĂ€hlerin (Urte Clasing) von den Figuren ihrer ErzĂ€hlung aus ihrem Stuhl vertrieben, dunklen Typen in AnzĂŒgen und Kapuzen-Sweatern. Ein verzerrter Bass erobert die BĂŒhne, daneben schleudert sich der Körper des TĂ€nzers Jascha ViehstĂ€dt wie in KrĂ€mpfen durch die Luft und gegen die Wand, sich faustisch verausgabend, rhythmisiert durch den Text, der ĂŒber dieser stĂ€ndigen körperlichen Bewegung schwebt und nur selten abbricht. Etwa, wenn Faust (Sebastian Klein) „die Alten“ nicht ĂŒber die Lippen bringt und stattdessen „Alt68er“, „Alternative“ oder „Altersvorsorge“ durch den Raum brĂŒllt, „Altglas“, „Altbier“, Altöl“. „Schmeiß sie weg“, brĂŒllt er Mephisto (Sebastian Moske) an und zeigt auf die ErzĂ€hlerin, denn die Alten sind seinem TĂ€tigkeitszwang im Weg.

Am Ende siegt, wie man weiß, die LĂ€ssigkeit des Prekariats-Mephisto ĂŒber den Aktionismus-Streber: Extrem witzig und von durchtriebener Coolness, stĂ€ndig die HĂ€nde in den Taschen und sich die Lippen leckend, wie Heath Ledger in The Dark Night oder erotisch das Bein nach oben gestreckt in seinem Sprechen Anleihen nehmen, am Kulthit „Tutenchamun“ der Hamburger TrashkĂŒnstler „HGich.T: „ Wir klopfen an – ja? Wir pochten an – ja? Und immer ward nicht aufgetan – ja?“.

Der Mut und das Geschick, mit dem die Hamburger Studenten durch solche Zitate den Faust II ins Jetzt hieven und dabei verschiedenen SpielĂ€sthetiken und Genres zur Collage ineinander fließen lassen, ohne sich dabei im Weg zu stehen, macht Spaß und gespannt auf weitere spĂ€te NĂ€chte.