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November 2019 & Mai 2020

BETWEEN WORLDS
Global Tales of Outsourcing Dementia Care

Ballhaus Ost, Berlin

& Northern Stage, Newcastle Upon Tyne (UK)

& Nachtkritik.de

Eine Kooperation der Costa Compagnie mit der University of British Columbia, Vancouver (CAN) und der Newcastle University (UK)

„Between Worlds schafft in seiner Vielschichtigkeit eine komplexe Situation zwischen IntimitĂ€t und GlobalitĂ€t.“
P. Haaf  Leserkritik www.nachtkritik.de

„Aber der Schmerz ist da und das StĂŒck bringt ihn immer wieder an die OberflĂ€che. Es zwingt uns hinzu schauen und zuzuhören. (…) So wird den Unsichtbaren wieder Sichtbarkeit verliehen. (…) Dabei bleibt es aber nicht. Die emotionale Betroffenheit durch die Einzelschicksale schert zur Systemkritik aus, die dominante kapitalistische und patriarchale Logiken bloßstellt.“
T. Dagge www.aufderbuehne.de

In ihrer filmischen Performance widmet sich die Costa Compagnie der Auslagerung von Demenzpflege aus Europa und Nordamerika in den Globalen SĂŒden nach Nordthailand.

Dazu recherchierten die KĂŒnstler*innen zusammen mit Wissenschaftler*innen von der University of British Columbia, Vancouver und der Newcastle University drei Wochen lang in Pflegeeinrichtungen in Chiang Mai.

Drei Performer*innen aus Thailand, England und Deutschland bewegen sich durch atmosphĂ€risch dichte Filmaufnahmen und weben die GesprĂ€chsfĂ€den der Recherche zu einer vielschichtigen essayistischen Bühnen-ErzĂ€hlung, welche die Perspektiven von Pfl eger*innen und Gepfl egten, vom Management und Angehörigen aufnimmt. Im schummrigen Licht des tropisch-feuchten Bergwaldes und im schattenlosen Hell der Krankenzimmer entfalten sich Geschichten von Fürsorge und Verlust, von tĂ€glichen NeuanfĂ€ngen und von dem, was bleibt, wenn das Vergessen Oberhand gewinnt.

Online-Stream und Podiumsdiskussion unter www.nachtkritik.de

28. – 29. Mai 2020

Facebook Watch Party und Podiumsdiskussion

Beginn des gemeinsamen Streaming am Donnerstag, 28. um 20 Uhr

Die Podiumsdiskussion ĂŒber Facebook Live beginnt um 22.00 Uhr nach dem Stream

Fragen und Kommentare ĂŒber Facebook

Das Video zur AuffĂŒhrung gibt es unter:

Nachtkritik Stream

Online fĂŒr 24 Stunden von 18.00 – 18.00 Uhr

Premiere und Vorstellungen am Ballhaus Ost, Berlin

Donnerstag, 07. und Freitag 08. November 2019 um 20 Uhr

Samstag, 09. November um 17 Uhr

Ballhaus Ost, Pappelallee 15, 10437 Berlin, 030 44 049 250, info@ballhausost.de, (U) Eberswalderstr.

oder Reservierungen unter 030 440 391 68 (Anrufbeantworter) oder karten@ballhausost.de

Virtual-Reality-Installation

Vor und nach den Vorstellungen ermöglicht eine VR-Installation einen immersiven Besuch der thailÀndischen Rechercheorte.

Diskussion

Am Samstag, den 09.11.2019 findet im Ballhaus Ost um 14:30 Uhr vor der Vorstellung eine Diskussion mit den an der Recherche beteiligten Sozialwissenschaftler*innen Prof. Geraldine Pratt und Dr. Caleb  Johnston sowie mit sowie mit Vertreter*innen lokaler Pflegeeinrichtungen und Expert*innen statt.

PublikumsgesprÀche

Anschließend an die Vorstellungen am Freitag 08.11. und Samstag 09.11. finden PublikumsgesprĂ€che statt.

Vorstellungen an der Northern Stage, Newcastle (UK): 13. – 15. November 2019

TEAM

Performance, Text Irene Laochaisri, David Pallant, Anna Rot Kamera Philine von DĂŒszeln Raum,  KostĂŒme Anne Horny Komposition, Soundart Marcus Thomas Videoschnitt StĂ©phanie Morin VR-Video, Colorcorrection Eric Birnbaum Videomapping Erik Kundt Dramaturgie, Text Zahava Rodrigo KĂŒnstlerische Leitung, Recherche, Text  Felix Meyer-Christian Wissenschaftliche Mitarbeit, Recherche Caleb Johnston, Geraldine Pratt Übersetzung Thailand Konkanok Phohom Produktionsleitung Franziska Merlo Assistenz Ausstattung Teresa HĂ€ußler Assistenz Leitung Lotte Sagert

Credit Photos: Philine von DĂŒszeln

Gefördert in der allgemeinen Projektförderung der Kulturstiftung des Bundes

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Weitere Förderung durch den Social Sciences and Humanities Research Council (Canada) und der Newcastle University and des UK Economic & Social Research Council

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MAKING PLANS FOR NIGEL

Von Theresa Dagge
Erschienen am 11.11.2019 unter www.aufderbuehne.de

Dies ist ein StĂŒck ĂŒber das Verblassen. Und das Loslassen. Über das Unsichtbarwerden und Unsichtbarmachen. Das neue StĂŒck der Costa Compagnie mit den (leider etwas sperrigen) Between Worlds – Global Tales of Outsourcing Dementia Care, das am vergangenen Donnerstag in Berlin im Ballhaus Ost uraufgefĂŒhrt wurde, verwebt dokumentarischen Film mit performativen und essayistisch narrativen Elementen zu einer dichten ErzĂ€hlung ĂŒber die persönlichen Schicksale von Demenz-Patient*innen und ihren Angehörigen. Dabei bleibt es aber nicht. Die emotionale Betroffenheit durch die Einzelschicksale schert zur Systemkritik aus, die dominante kapitalistische und patriarchale Logiken bloßstellt.

ZunĂ€chst einmal aber – Der Anfang:

Ein Schweizer Manager grĂŒndet ein Pflegeeinrichtung fĂŒr Demenz-Erkrankte im Norden von Thailand. Er hat selbst einen Fall von Alzheimer in der Familie. Das „Care Resort“ hat einen Außenpool, die Zuwege sind gepflegt, die RasenflĂ€chen getrimmt und von Palmenpflanzen gesĂ€umt. Kranke aus Europa und Nordamerika werden von ihren Angehörigen ins „Vivo Bene“ gebracht, um zu erhalten, was die Gesundheitssysteme des Globalen Nordens nicht leisten: Ein gutes Leben mit Rundumbetreuung, eine angemessene Versorgung. Auch die Familien der Demenzkranken sollen entlastet werden – finanziell und von den körperlichen und psychischen Strapazen, die die Pflegearbeit mit sich bringt. Ist das moralisch vertretbar? Aus Managerperspektive: Eine Win-Win-Situation. FĂŒr die Betroffenen. FĂŒr die Gesundheitssysteme des Westens. FĂŒr Thailand. Immerhin liegt der Lohn der Pflegerinnen 20% ĂŒber dem thailĂ€ndischen Durchschnitt. Alle gewinnen.

FĂŒr Kate Davis, die ihren Ehemann Nigel wegen der unzumutbaren PflegezustĂ€nde in Großbritannien im Vivo Bene untergebracht hat ist es hingegen eine tiefgreifende Verlusterfahrung. ZunĂ€chst konnte sich Nigel nicht mehr an die richtige Abzweigung zum Strand erinnern. SpĂ€ter gab er seine Leidenschaft fĂŒr das Filmschauen auf, weil er in der Mitte einer Geschichte schon ihren Anfang vergessen hatte. Jetzt spielt er mit seinen Pflegerinnen Federball – er in weißen Leinenhosen, sie mit HĂ€ubchen auf den Köpfen. Eine unwirkliche Szene, absurd fast. Es gibt da diesen Alten XTCSong: „We are only making plans for Nigel / We only want what’s best for him / We are only making plans for Nigel / Nigel just needs a helping hand / And if young Nigel says he’s happy / He must be happy / He must be happy / He must be happy in this world.“

Kate schaut aus milchigen Augen in die Kamera und erzĂ€hlt von der Auslöschung ihres Ehemann, der sich nicht mehr daran erinnern kann, wer sie ist, wenn sie sich von ihm verabschiedet und zurĂŒck nach England fliegt. Die Performer*innen des StĂŒcks, Irene Laochaisri, David Pallant und Anna Rot, treten in den Dialog mit dem dokumentarischen Material, stellen unbequeme Fragen, versuchen, die Perspektiven der Akteur*innen „vorstellbar“ zu machen. Und erzĂ€hlen von ihrem persönlichen Umgang mit dem Krankheitsbild Demenz. So gesteht Anna, dass sie es wahnsinnig komisch fand, als ihre Großmutter ihr einen „Kifu“ anbot, weil diese die Worte nicht mehr fand. Oder wie verĂ€rgert eben diese Großmutter war, als Anna sie fragte: „Bist du verwirrt?“ Es ist ein so ehrlicher Moment. Wie damit umgehen, wenn mit dem GegenĂŒber etwas „nicht stimmt“?

In den restlichen Gesellschaften, in denen die Selbstoptimierung zum Fetisch geworden und das „Funktionieren“ religiöse Ordnungsmuster substituiert, treibt das Abhandenkommen der geistigen Orientierung – der Kontrollverlust – in die soziale Isolation. Unser kapitalistisches Wirtschaftssystem, insbesondere in seiner Neo-liberalen AusprĂ€gung, zwingt durch die Ungleichverteilung von finanziellen, sozialen und politischen Ressourcen zum funktionieren. Was aber ist uns das Leben in WĂŒrde wert? Pflegeberufe sind unterbezahlt und finden wenig Anerkennung. Strukturell immanent ist diesem System ĂŒbrigens auch die Geschlechterfrage. Denn „Care Arbeit“ – also unbezahlte PflegetĂ€tigkeiten, Hausarbeit und Kinderbetreuung – wird zum allergrĂ¶ĂŸten Teil von Frauen erledigt. Auch ist es eine Frage der globalen Gerechtigkeit, denn damit die Bevölkerung westlicher Gesellschaften „funktionieren“ und „optimieren“ kann, stellt sie fĂŒr diese TĂ€tigkeiten Menschen aus dem globalen SĂŒden an – zu unmöglichen finanziellen Konditionen.

Oder die Kranken werden eben ausgelagert. Nach Thailand zum Beispiel.
FĂŒr die Form der Auslagerung prĂ€gt der französische Soziologe und Philosoph Michel Foucault in den 60er Jahren den Begriff „Heterotopie“: Das sind nicht Nicht-Orte am Rande der Gesellschaft, an die von der Norm abweichende Menschen ausgesondert werden können, um so das Bestehen der Normalgesellschaft zu stabilisieren und weiterhin zu gewĂ€hrleisten. Beispiele sind etwa GefĂ€ngnisse, psychiatrische Kliniken und Alten- und Pflegeheime.

Ein Demenz-Patient in „Between Worlds“ erzĂ€hlt, dass er ein „ungeliebter Großvater“ ist, der von seiner Familie nicht mehr gebraucht werde und deshalb abgeschoben worden sei. Er sei froh, jetzt bei Vivo Bene zu sein, denn hier werde er gebraucht. Diese Momente der Klarheit bei den Patient*innen sind es, die einen erkennen lassen, wie man den Kranken automatisch das Mensch-Sein abspricht. Denn, so der Irrtum, wo kein Bewusstsein, da kein Schmerz. Aber der Schmerz ist da und das StĂŒck bringt ihn immer wieder an die OberflĂ€che. Es zwingt uns hinzu schauen und zuzuhören. Zum Beispiel Jack, der seine Frau Trudy fĂŒr die GrĂ¶ĂŸte hĂ€lt, unablĂ€ssig Lobeshymnen auf ihre StĂ€rke und Klugheit anstimmt und darĂŒber zum Publikumsliebling emporkommt. Er provoziert herzliche Lacher, die einem bisweilen im Hals stecken bleiben, sobald man merkt, das er außer ĂŒber Trudy, keine zusammen hĂ€ngenden Aussagen mehr treffen kann. Das StĂŒck zeigt diese Szenen in voller LĂ€nge. Wir sollen Jack zuhören, auch wenn es unangenehm wird. So wird den Unsichtbaren wieder Sichtbarkeit verliehen. Zumindest fĂŒr einen kurzen Augenblick im Ballhaus Ost.

„Between Worlds“ will viel. Und gelegentliche Überforderung mit all den Themen und ZusammenhĂ€ngen kann eine Nebenwirkung des etwas 120 Minuten langen StĂŒcks sein. Das ist verzeihlich, denn wichtiger ist es, der KomplexitĂ€t des Problems nicht ignorant gegenĂŒber zu treten. Um die Systemfrage kommt man bei diesem StĂŒck dabei nicht herum.

Leserkritik zu: Between Worlds, Berlin von PHaaf
Between Worlds – Global Tales of Outsourcing Dementia Care
Erschienen am 10.11.2019 unter www.nachtkritik.de

Auf einmal habe Nigel nicht mehr gewusst, ob er auf dem Weg zum Strand rechts oder links abbiegen mĂŒsse, sagt Kate. In ihrer filmischen Performance „Between Worlds – Global Tales of Outsourcing Dementia Care”, die vergangenen Donnerstag am Ballhaus Ost in Berlin Premiere hatte, widmet sich die Costa Compagnie dem Vergessen und dem Verschwinden, und der Frage, wie eine Gesellschaft in der Pflegekrise auf ihre eigene Überalterung reagiert. Die Migration von PflegebedĂŒrftigen aus Europa und Nordamerika nach Thailand bildet dabei den Ausgangspunkt.

Ein raumgreifendes Bild von einem Strand eröffnet die Arbeit. Drei Performer*innen schlendern durch den BĂŒhnenraum und singen einen leichtfĂŒĂŸigen Jazzsong. Es könnte ein Strand sein wie jener, an dem Kate und Nigel, die wir im Laufe der Performance kennenlernen, so viele gemeinsame Stunden verbracht haben. Ein Ort, der konkret und imaginĂ€r zugleich ist. Die Projektion auf die weißen VorhĂ€nge, die den BĂŒhnenraum an drei Seiten begrenzen, ihn umschließen und zu einem intimen Raum zwischen Krankenzimmer und White Cube machen, beschreibt eine rĂ€umliche AmbiguitĂ€t, der wir im Laufe des StĂŒcks immer wieder begegnen.
FĂŒr ihre Performance die Costa Compagnie in Nordthailand in Pflegeeinrichtungen fĂŒr demenziell Erkrankte gelebt und gefilmt. Diese Einrichtungen sind schwer von Urlaubsresorts zu unterscheiden mit ihren azurblau gefliesten Swimmingpools, Zierpalmen und schattenspendenden Pavillons. Es sind schöne Orte und man ertappt sich dabei, wie man sie vergleicht mit den klischeebehafteten Bildern von hiesigen Pflegeheimen, den Assoziationen von Alter und Krankheit.
„Between Worlds“ nĂ€hert sich seinem Sujet ĂŒber Protagonist*innen, die zunĂ€chst auf einer vertikalen Leinwand im BĂŒhnenraum ĂŒbergroß erscheinen. Hier sprechen von Demenz Betroffene, Angehörige, Pfleger*innen und Manager*innen, die in der rapiden Alterung westlicher Gesellschaften ein GeschĂ€ftsmodell erkennen. Die Performer*innen adressieren sie, imaginieren ihre GefĂŒhlszustĂ€nde und sprechen ihre Texte mit. Die Sprecherpositionen wechseln dabei so hĂ€ufig, dass die Personen auf der BĂŒhne keinerlei AutoritĂ€t oder gar Kommentator*innenfunktion fĂŒr sich beanspruchen. Der kĂŒnstlerische Leiter der Costa Compagnie Felix Meyer-Christian benennt die Haltung der Performer*innen im NachgesprĂ€ch als „in der NĂ€he“ der Protagonist*innen sprechend.

Die NĂ€he zu den Protagonist*innen Ă€ußert sich auch in einem humorvollen Umgang mit dem Sujet. Dies geschieht unter anderem durch die reflexive Thematisierung von BĂŒhnenmomenten. Nicht nur durch die Performer*innen, die das Publikum ansprechen, Geschichten erzĂ€hlen und zum Karaoke zu einer Art thailĂ€ndischen Version von Call Me Maybe einladen: Wir hören von der Pflegerin Nan, wie sie zu den Patient*innen singt und die Pflegeeinrichtung zu ihrer BĂŒhne wird, wir sehen zwei Pflegerinnen mit Verve eine Situation mit einer einsamen Person re-enacten und wie sich das Restaurant im Schweizer Resort Vivo Bene in den Schauplatz einer Art Volksfest verwandelt. Dieser Drang zur Verwandlung und zur Imagination scheint den Pflegeresorts von „Between Worlds“ inhĂ€rent zu sein.

Und so ist es nur konsequent, sich dem Thema im Theater zu nĂ€hern, durch eine Spielfreude und den Hang zur spannungsvollen Offenheit, statt zur Geschlossenheit und linearen Narration der zahlreichen Reportagen ĂŒber Demenzdörfer in SĂŒdostasien. Die komplizierten globalökonomischen Verstrickungen, patriarchalen Strukturen des Pflegesektors und Gewalttaten der MilitĂ€rdiktatur Thailands werden bei all der Leichtigkeit ebenfalls angesprochen. Sie flackern auf wie luzide Momente im tropischen Pflegeidyll. „Between Worlds“ schafft in seiner Vielschichtigkeit eine komplexe Situation zwischen IntimitĂ€t und GlobalitĂ€t.

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